Uli Hoeneß ist seit jeher eine paradoxe Figur im deutschen Sport. Der Ehrenpräsident des FC Bayern München – immerhin frisch gekürter Deutscher Fußball-Meister und Rekordhalter in dieser Kategorie – gehört zu den umstrittensten Charakteren im Ballsport. Einerseits ist er bei vielen Fans sehr beliebt früheren Umfragen zufolge. Andererseits aber scheint er eben auch sehr verhasst zu sein. Für viele Kritiker war vor allem der „Steuer-Skandal“ von Hoeneß im Jahr 2014 eine Bestätigung ihrer skeptischen Haltung zum Münchner Fußball-Boss. Dieser ist gleichzeitig auch Unternehmer und lässt beispielsweise Fleisch- und Wurstwaren in Nürnberg produzieren. Schon der Vater von Hoeneß war Metzger, heute führt dessen Sohn diese Geschäfte hauptsächlich weiter.

Schon immer verstand es Hoeneß als sein gutes Recht, sich in politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen einzumischen. Die letzte Aktion dieser Art lieferte der Weltmeister von 1974 Anfang dieser Woche, als er Clemens Tönnies zur Seite sprang. Der Fleischfabrikant steht seit Wochen im Kreuzfeuer der Kritik, weil wohl auch von ihm geduldete unhygienische Zustände den Ausbruch des Coronavirus SARS-CoV-2 an einem Produktionsstandort seines Fleischereibetriebs im Kreis Gütersloh begünstigt haben.

Kritik an Tönnies ist „Zeichen unserer Gesellschaft“ – Hoeneß

Tönnies, der auch Aufsichtsrats-Chef beim Bundesligisten und Ligakonkurrenten Schalke 04 ist, sei ein „Freund“, so Hoeneß. Darüber hinaus verbinde beide Männer Funktionärs-Positionen im Fußball, die Fleischwirtschaft und das Unternehmertum.

„Teilweise erinnert es mich an meine Zeit mit der Steuersache“, sagte Hoeneß dem „Bayerischen Rundfunk“ (BR) mit Blick auf den Fleischbetrieb von Tönnies. „Ich glaube, wenn man mal in so einer Maschinerie drin ist, dann versucht da jeder, den anderen noch zu überholen mit seiner Kritik.”

Hoeneß erinnerte damit an seine eigenen Verfahren wegen Steuerhinterziehung. 2014 musste er deswegen eine Freiheitsstrafe antreten. Nach der vorzeitigen Haftentlassung übte er wieder Ämter für den FC Bayern aus. „Wenn Fehler gemacht wurden, muss man dazu stehen“, betonte der Münchner:

„Das tut er (Tönnies, Anm. d. Red.) ja. Wenn Dinge zu ändern sind, dann muss man das auch tun. Ich gehe davon aus, dass er das tut, wenn es notwendig ist. Aber dass man dann alles, was er so geleistet hat, was er für eine große Firma aufgebaut hat, jetzt plötzlich in Schutt und Asche redet, das kann es nicht sein. Das ist aber ein Zeichen unserer Gesellschaft. Wenn du dran bist, dann gibt es kein Halten mehr. Und das erlebt er jetzt gerade am eigenen Leib.”

Der Fleisch-Skandal und seine Folgen

Mitte Juni kam es zu einem skandalösen Corona-Ausbruch im Tönnies-Schlachtbetrieb in Rheda-Wiedenbrück. Zunächst sprachen Medien von über 1300 dortigen Infizierten mit der Lungenkrankheit Covid-19. Daraufhin führten Politik und Medien hitzige Debatten.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) kündigte in der vergangenen Woche an, seine Landesregierung wolle die Haftbarkeit des Fleischproduzenten Tönnies für den Corona-Ausbruch im Kreis Gütersloh prüfen. Derzeit werde sehr genau geprüft, ob und gegen welche Regeln das Unternehmen verstoßen habe und wo es in Haftung genommen werden könne. Laschet sehe Tönnies in der Verantwortung. Der Ministerpräsident verteidigte seine Regierung auch gegen Kritik, zu spät gegen die Arbeitsweise der Fleischfirma vorgegangen zu sein.

Hoeneß verteidigt Tönnies – und schießt Richtung Borussia Dortmund

„Hoeneß hat Schalkes Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies gegen seiner Meinung nach überzogene Kritik im Zuge des massiven Corona-Ausbruchs in dessen Fleischbetrieb verteidigt“, berichtete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) am Montag. Der langjährige Vordenker der Liga erwarte zudem keinen langfristigen Einbruch der Einnahmen aufgrund der Corona-Krise. Wenn diese vorbei sei, „wird der Fußball wieder prosperieren“, so der Bayern-Ehrenpräsident.

Angesichts der achten Meisterschaft in Folge für seinen Verein forderte Hoeneß die Konkurrenz auf, „sich einfach noch mehr anzustrengen“ für einen spannenden Bundesliga-Titelkampf. „Man kann jetzt nicht von den Leuten vom FC Bayern erwarten, dass sie nur halbtags arbeiten, damit die Bundesliga wieder spannend wird“, richtete er gewohnt scharfe Worte an die „wieder mal erfolglosen“ Bayern-Jäger Borussia Dortmund und RB Leipzig.

Das in die Kritik geratene Familienunternehmen Tönnies wurde 1971 nahe Gütersloh gegründet. Mittlerweile macht der Konzern pro Jahr über sechs Milliarden Euro Umsatz und ist Deutschlands größter Schlachtbetrieb für Schweine und auch Rinder. Vor den aktuellen Corona-Fällen und dem damit verbundenen Lockdown schlachtete der Betrieb im Schnitt alle drei Sekunden ein Schwein – bis zu 30.000 Schweine pro Tag. Das Unternehmen beliefert unter anderem „Aldi“, „Lidl“, „Gutfried“, „Zimbo“ oder „Tillman’s“.

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