Bondarew freute sich sehr auf den bevorstehenden 75. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg. Er betonte, dass er den 9. Mai immer mit gemischten Gefühlen gefeiert habe. „Wie muss man den Sieg feiern? Traurig oder freudig? Für mich sind beide Gefühle an diesem Tag untrennbar“, sagte der Autor in seinem letzten Interview. 

Als die Leser in den sozialen Netzwerken von Bondarews Tod erfuhren, erinnerten sie sich sofort an zwei Dinge: an die kühne „Grabenwahrheit“, die in seinen Romanen und Novellen zum Ausdruck kommt, und an den Vergleich der Perestroika mit „einem Flugzeug, das den Landepunkt nicht kennt“. Juri Bondarew ging den gleichen Weg wie viele seiner Altersgefährten: Er kämpfte um Stalingrad, beteiligte sich an der Befreiung der Ukraine und der Tschechoslowakei. Er erhielt die Medaillen „Für die Verteidigung von Stalingrad“, „Für den Mut“, „Für den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945“ und andere. 

Aber im Gegensatz zu vielen anderen fand er Worte, um alles zu beschreiben, worauf er an der Front stieß (nach dem Krieg absolvierte er das Literaturinstitut). Und dies war nicht das glänzende, amtliche Heldentum der Gewinner, sondern das, was später als „Grabenwahrheit“ und „Leutnant Prosa“ bezeichnet wurde: Beziehungen zwischen den Soldaten, ihr tägliches Leben, Zuneigung und Antipathie, kleine menschliche Heldentaten, entschuldbare und unverzeihliche Schwächen, worüber Bondarew in seinen Werken schrieb. 

Eine kreative Vorgehensweise von Bondarew war die sogenannte Ausklammerung des Krieges: „Ich glaube, dass man nicht von einer ‚Kriegsromantik‘ als solcher sprechen kann, weil es in der Belletristik nur eine Romantik und nur ein Thema geben kann – der Mensch“, sagte er. Gräben und Schlachten wurden von ihm nicht in den Vordergrund gestellt, sondern dienten nur als Kulisse, während im Mittelpunkt ewige moralische und ethische Fragen standen. 

„Für mich besteht die Grabenwahrheit in den Details des Charakters. Denn der Schriftsteller hat Zeit und Ort, um einen Soldaten von dem Moment an zu beobachten, in dem er einen Löffel mit Stroh im Graben abwischt, bis zu dem Moment, wo er die Höhe einnimmt. Und im heißesten Moment der Schlacht lockert sich ein Fußlappen und peitscht ihn in die Beine. Dem Heldentum gehört alles: von kleinen Details (die Küche wurde nicht an die Frontlinie gebracht) bis hin zu den wichtigsten Problemen: Leben, Tod, Ehrlichkeit, Wahrheit. In den Schützengräben entsteht ein geistlicher Mikrokosmos zwischen Soldaten und Offizieren, und dieser Mikrokosmos zieht alles an“, sagte der Schriftsteller. 

Bondarew machte sich über das historische Gedächtnis Gedanken, er merkte an, dass es Versuche gebe, die Lehren des Krieges durchzustreichen. Er wies auch auf die Gefahr einer Generationslücke hin, er betonte, dass die Menschen nicht nur in den Ereignissen der Kriegsjahre „verloren gegangen“ seien, sondern auch den lebendigen Faden verloren hätten, der sie mit dem Sieg ihrer Großväter verband. Dem Schriftsteller zufolge wurde die Aktion „Unsterbliches Regiment“ zu einer neuen vereinigende Kraft: „Die Opfer waren nicht umsonst, wir erinnern uns an sie, sie sind in der Nähe – stolze, mutige, unsterbliche.“  

© Sputnik / Wladimir Perwenzew
Der sowjetische Autor Juri Bondarew (Archivbild)

Der Schriftsteller stand so zum Krieg: „Ein Krieg ist bitterer Schweiß und Blut, er ist nach jeder Schlacht abnehmende Regimentsschreiberlisten, dies ist letztes Brödli, aufgeteiltes zwischen vier Überlebenden, der Topf mit rostigem Sumpfwasser und die letzte Zigarette, die ein Richtschütze gierig raucht und auf die kriechenden Panzer schaut. Das sind verlorene junge Leben, unerforschte Biografien, unerfüllte Hoffnungen, ungeschriebene Bücher, unvollkommene Entdeckungen, Bräute, die keine Ehefrauen geworden sind.“ 

Bondarew bedauerte den Zusammenbruch der Sowjetunion. Er verglich öffentlich die Politik der Perestroika der UdSSR mit einem Flugzeug, das fliegt, ohne zu wissen wohin. 1994 lehnte er es ab, den Orden der Völkerfreundschaft anlässlich seines 70. Geburtstages von Präsident Boris Jelzin anzunehmen (welche Freundschaft kann es mit denen geben, die das Parlament aus Panzern beschossen haben?), aber er begrüßte heftig die Wiedervereinigung der Krim mit Russland. 

Am 15. März feierte Juri Bondarew seinen 96. Geburtstag, zwei Wochen danach starb er in Moskau. Seine Werke wurden in viele Sprachen, auch ins Deutsche übersetzt: „Heißer Schnee“, „Das Ufer“, „Die Bataillone bitten um Feuer“, „Vergiss, wer du bist“ (russ. „Die Stille“) und andere. Viele wurden verfilmt. Auch am Drehbuch des fünfteiligen Kino-Epos „Befreiung“ war er beteiligt.

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