Analysten sagen einen weiteren Rückgang bei der Ölnachfrage voraus, wodurch die Preise weiter sinken werden. Auch die globalen Speicherkapazitäten könnten an ihre Grenzen stoßen. Der Ölmarkt ist international in Aufruhr. Ein harter Monat April steht ins Haus.

Die Ölproduzenten stehen vor ihrer schlimmsten Krise in der Geschichte, doch der Ölmarkt ist nach Ansicht einiger Analysten noch nicht am Boden.

Die von Saudi-Arabien versprochenen Millionen von Barrel zusätzlicher Lieferungen werden Zeit brauchen, um ihr Ziel zu erreichen. Auf der Nachfrageseite haben die großen Volkswirtschaften erst begonnen, sich zu verlangsamen.

US-Präsident Trump während seiner Besichtigung des Shell Pennsylvania Petrochemicals Complex in Monaca, Pennsylvania im August 2019 (Symbolbild)

Das große Nachfrageloch, in dem sich die Wirtschaft bereits befindet, wird sich voraussichtlich noch vergrößern. Eine wachsende Zahl von Analysten weist darauf hin, dass sich die Weltwirtschaft bereits in einer Rezession befindet. Die Bank Standard Chartered schrieb in einer Erklärung:

Vor einer Woche war es schwierig, sich vorzustellen, das die Bedingungen auf dem Ölmarkt noch deutlich schwächer werden könnten. In der vergangenen Woche haben jedoch die Mobilitätsbeschränkungen, die europäische und nordamerikanische Regierungen als Teil ihrer Corona-Virus-Reaktion auferlegt haben, den negativen Nachfrageschock erheblich verstärkt. Wir erwarten nun, dass der Nachfrageverlust im April mit 10,4 Millionen Barrel pro Tag seinen Höhepunkt erreicht und die jährliche Nachfrage im Jahr 2020 um den Rekordwert von 3,39 Millionen Barrel pro Tag sinkt.

Analysten sagen, dass der Monat April den größten Angebotsüberhang in der Geschichte des Ölmarktes erleben könnte.

Kurzfristig könnte der Überschuss auf dem Ölmarkt im April einen Höchststand von 13,7 Millionen Barrel pro Tag erreichen, mit einem durchschnittlichen Überschuss von 12,9 Millionen Barrel pro Tag für das zweite Quartal. Der Lagerbestand könnte bis zum Jahresende gigantische 2,1 Milliarden Barrel erreichen, schrieb die Bank. Diese Zahl stellt eine 50-prozentige Aufwärtsrevision gegenüber dem von der Bank vor einer Woche vorhergesagten Überschuss von 1,4 Milliarden Barrel dar.

Weitere Analysten zeichnen noch dramatischere Szenarien. Die Eurasia Group ist der Meinung, dass die Nachfrage in den nächsten Wochen und Monaten um bis zu 25 Millionen Barrel pro Tag fallen könnte. Diese historische Öl-Flut bedeutet, dass der Welt die Lagerkapazitäten ausgehen könnten. Giovanni Serio, Chefanalytiker des Rohstoffhandelshauses Vitol erklärte:

Die Kombination aus der sich abschwächenden Nachfrage und einem Überangebot wird kaum durch die Lagerung an Land ausgeglichen werden können. Ab einem bestimmten Punkt werden wir alle Schiffe befüllen müssen.

Der Abschwung könnte laut Rystad Energy allein im europäischen Ölfeld-Dienstleistungssektor zu mehr als 200 Konkursen führen, was 20 Prozent aller Unternehmen in diesem Sektor entsprechen würde.

Goldman Sachs wies darauf hin, dass die Ölmarke WTI auf ein Preisniveau zwischen 23 und 26 US-Dollar pro Barrel fallen könnte. Tatsächlich senkte die Bank ihren prognostizierten Preis für Brent im zweiten Quartal auf 20 US-Dollar pro Barrel, gegenüber zuvor 30 US-Dollar pro Barrel. Beim frühen Handel am Mittwoch stürzte WTI um elf Prozent auf rund 24 US-Dollar pro Barrel. Die Preise brachen im Laufe des Tages um 25 Prozent ein, bevor sie etwas an Boden wiedergutmachten konnten. Standard Chartered teilte mit:

Da die Preise unter dem Gewicht der angehäuften überschüssigen Ölvorräte nachgeben, erwarten wir, dass sich der Rückgang der Aktivitäten in der US-Schieferölindustrie beschleunigen wird.

Die Bank prognostiziert für Dezember 2020 eine Ölförderung in den USA von 11,87 Millionen Barrel pro Tag, was 1,1 Millionen Barrel pro Tag unter dem derzeitigen Niveau liegt. Im Jahr 2021 könnten die USA laut der Bank eine Fördermenge von im Durchschnitt 11,2 Millionen Barrel pro Tag erreichen und das Jahr im Dezember mit 10,69 Millionen Barrel pro Tag verlassen.

Am Mittwoch erklärte der international tätige Dienstleister Halliburton, dass er 3.500 Arbeiter entlassen werde, was sicherlich die ersten von mehreren zu erwartenden Kündigungen sein werden.

Bis vor kurzem gingen die meisten Analysten noch davon aus, dass die globale Pandemie eine kurzfristige Angelegenheit sein würde. Viele Sperrmaßnahmen wurden als vorübergehend wahrgenommen, die in der Regel zwischen zwei und vier Wochen dauern sollten. Die Pandemie könnte jedoch viel länger dauern. Einige Wissenschaftler vermuten, dass eine individuelle soziale Isolierung für mehr als ein Jahr unerlässlich sein könnte. Einige der wirtschaftlichen Schäden könnten dauerhaft sein.

Während im April der schlimmste Einbruch bei der Ölnachfrage eintreten könnte, ist Standard Chartered der Meinung, dass die Nachfrage im Jahresvergleich um 8,8 Millionen Barrel pro Tag im Mai und 7,4 Millionen Barrel pro Tag im Juni sinken könnte. Selbst nach dem Ende der Pandemie wird es „ein Element des anhaltenden Nachfrageverlusts geben, der durch permanente Veränderungen im Flugreiseverhalten und die Auswirkungen der Nachfrage von Unternehmen, die sich nicht von dem ersten Schock erholen können, verursacht wird“.

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