Die öffentlich-rechtlichen Medien wahren den Anschein der Seriosität – sie erlauben sich auch ab und zu ungefährliche Regierungskritik. Aber wenn es darum geht, RT und Sputnik böse Absichten zu unterstellen, schrecken sie vor groben Manipulationen nicht zurück.

von Wladislaw Sankin

Die massive Medienkampagne gegen RT und andere russische Medien, die vor wenigen Wochen in der Bild und beim Tagesspiegel begann, hat nun ihren Höhepunkt erreicht – das Thema durfte am Sonntag im ZDF die beste Sendezeit erhalten. Dabei haben die Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht nur wortwörtlich absurde Anschuldigungen vonseiten einer EU-Taskforce wiederholt, sondern mit eigenen „hausgemachten“ Lügen und Verdrehungen gepunktet.

Ivan Rodionov will seine Zugehörigkeit zu RT Deutsch verschleiern, behauptet die Journalistin Susanne Spahn. Das stimmt nicht, wie viele seiner Medienauftritte der letzten Jahre zeigen.

Berlin direkt, die ZDF-Sendung aus der Mitte des politischen Geschehens um 19:15 Uhr am Sonntag, fing am 5. April vielversprechend an. Thema war die Kommunikation der Bundesregierung in der Corona-Krise. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das im Verruf steht, regierungsnah zu berichten, kritisierte im Beitrag sogar, dass die Regierung schlechte Kommunikation leiste und widersprüchliche Botschaften sende. Das „Beste“ kam aber erst zum Schluss: russische und chinesische „Desinformation“.

„Die EU hat Fälle der Desinformation und falscher Gesundheitshinweise in Bezug auf die Corona-Krise im Internet und in den sozialen Medien untersucht. Ihr Urteil: Sie werden auffällig oft von russischen und chinesischen Medien verbreitet“ – mit diesen Worten moderierte die stellvertretende Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios Berlin, Shakuntala Banerjee, den letzten fünfminütigen Beitrag des ZDF-Korrespondenten Andreas Kynast an und übergab ihm das Wort.

East StratCom Tast Force: EU-Propagandawerkstatt

Die Quelle für die Anschuldigungen gegen russische Medien – ein EU-Organ mit dem für den gemeinen Zuschauer weniger schön klingenden Namen East StatCom Task Force –nannte sie jedoch nicht. Doch diese Quelle ist mehr als fragwürdig. Sogar ihr Chef Lutz Güllner gab indirekt zu, dass sein Team für „strategische Kommunikation“ mit dem Auftrag, der russischen „Desinformation“ zu entgegnen, im Verdacht steht, sich der geheimdienstlichen Methoden zu bedienen und als „Gedankenpolizei“ aufzuspielen. „Wir sind kein Geheimdienst und keine Gedankenpolizei“, sagte er in einer Web-Konferenz. Doch das ist verschlagen.

East StratCom Tast Force ist tatsächlich kein klassischer Geheimdienst, denn es agiert mit einer gewissen Transparenz. Die Fälle der angeblich aufgespürten Desinformation aus den „Pro-Kreml-Medien“ sind penibel auf der Webseite aufgelistet. RT Deutsch hat bereits mehrere Fälle dieser „Fakes über Fakes“ in einem Beitrag aufgelistet und auseinandergenommen. In regelmäßigen Abständen „alarmiert“ East StratCom Task Force die westlichen Medien über eine erneute „russische Gefahr“, und in nur wenigen Tagen fegt durch die ganzen Medien ein regelrechter Sturm mit gleich klingenden Vorwürfen.

Screenshot von der Webseite euvsdesinfo.eu der East StratCom Tast Force. Von RT Deutsch bearbeitet (Übersetzung der Sprechblasen)

Im aktuellen Fall hat aber nicht nur East StratCom Tast Force zur Kampagne gegen RT und Co beigetragen, sondern auch das Boulevardblatt Bild, das nicht nur die Vorwürfe manipuliert, sondern auch eine spezielle Beobachtung von RT Deutsch durch das Bundesamt für Verfassungsschutz wegen der Berichterstattung zur Corona-Krise hinzugedichtet hat. Auch das behördliche Dementi, dass die Beobachtung allgemein und nicht extra im Hinblick auf Corona stattfinde, konnte die Falschbehauptung nicht mehr stoppen: Die Ente war auf der Welt.

Sputnik: Auch Witz gehört zur Desinformation

Also, das ZDF ist bei diesem Thema grundsätzlich einem Fake und einer unzuverlässigen Quelle aufgesessen. Aber damit nicht genug: ZDF-Korrespondent Andreas Kynast gab der Story seine besondere „Note“. Als Beispiel dafür, wie abstrus die russischen Medien überhaupt sind, sagt er gleich zu Anfang mit alarmierend bebender Stimme:

Das Virus könnte in Lettland entwickelt worden sein, behaupten Russlands staatliche Medien wie Sputnik Lettland.

Damit spielte er auf einen Sputnik-Beitrag in russischer Sprache vom 15. März an. Der Meinungsartikel „Corona-Virus wurde in Lettland entdeckt? Warum nicht?“ von der jungen Autorin Oksana Pych wurde 7.000-mal angeklickt. Die erste Frage: Warum muss ein Beitrag mit einer bescheidenen Leserzahl in russischer Sprache für ZDF-Zuschauer gefährlich sein? Eine Antwort darauf bleibt Andreas Kynast schuldig.

Warum erwähnt Kynast diesen Beitrag überhaupt? Er gehört zu den von der East StratCom Tast Force aufgespürten Fälle der russischen „Desinformation“. Im ersten Teil des Artikels zählt die Autorin alle möglichen Fälle von „Verschwörungstheorien“ nach dem Prinzip „Wem nutzt es“ im ironischen Ton auf, je absurder desto besser: Corona könnte China helfen, die Hongkong-Proteste zu beenden, das gleiche gilt für Frankreich mit den Gelbwesten. Für Greta Thunberg könnte das Virus interessant sein – denn die Umwelt wird nicht mehr durch Flugzeuge und Touristen verpestet. Dann schreibt die Autorin einen Satz, der den kleinen baltischen Staat – damit die halbe EU laut East StratCom Task Force – und das ZDF erschüttern sollte:

Im Allgemeinen schätzen wir uns in Lettland natürlich nicht genug, und wir stimmen im Voraus dem zu, dass das Corona-Virus irgendwo in einem großen Land erfunden wurde. Aber gibt es nicht viele talentierte Biologen und Pharmazeuten in Lettland? Meldonium allein hat eine Gruppe von Sportlern aus einem Nachbarland und übrigens auch Maria Scharapowa außer Gefecht gesetzt…

Wer bemerkt spätestens hier keine Ironie? Ab diesem Punkt erwähnt Oksana Pych das Corona-Virus nicht mehr. Sie widmet sich kenntnisreich der lettischen Politik und wem die Anti-Corona-Maßnahmen nutzen könnten, z. B. um eine Oberbürgermeisterwahl in Riga zu verschieben oder einen Schuldigen für ausbleibende Rentenerhöhungen zu finden. Es ist ein ganz normaler sarkastischer Kommentar – und nicht wirklich böse gemeint. Am Ende findet die Autorin, die übrigens in Lettland lebt, doch noch gute Seiten in der Corona-Krise: Der Verkauf des Büchsenfisches „Rigaer Sprotten“, eine in Russland beliebte lettische Spezialität, hat wegen der Hamsterkäufe zugenommen. Im Zuge der Russland-Sanktionen wurden sie vom russischen Markt genommen.

Spaß ist nicht erlaubt! In der EU und beim ZDF gelten publizistische Annahmen und rhetorische Kniffe als Desinformation – wenn sie von „Pro-Kreml-Medien“ stammen.

Jeder, der russisch kann, stellt sofort fest, dass East StraCom Task Force und damit auch Andreas Kynast hier Ironie und rhetorische Kommentatoren-Kniffe für einen Fall der russischen vorsätzlichen „Desinformation“ ausgeben. Oder dürfen die russischen Medien keine Witze machen? Und was ist mit der Meinungsfreiheit? Sie gilt offenbar dann auch nicht. 

Das Wort „Biolabor“ darf nicht ausgesprochen werden

Doch damit nicht genug. Sputnik auf Spanisch und Arabisch werden in gleicher Manier unterstellt, den Ursprung des Virus in den NATO- oder US-Laboren zu suchen. Ob die beiden Sputnik-Artikel dies tatsächlich behaupten, kann hier wegen fehlender Sprachkenntnisse nicht untersucht werden. Dann schafft der ZDF-Autor den Sprung zu RT Deutsch – und zwar zum Videobeitrag unserer Reporterin Maria Janssen:

Plakat mit dem WM-Maskottchen vor der russischen Botschaft in Kiew im ZDF-Beitrag

Einige ukrainische Experten und Anwohner bringen die Ausbrüche der Krankheiten der letzten Jahre in den zahlreichen ukrainischen Städten mit der wachsenden Anzahl der amerikanischen Biolaboratorien in der Ukraine in Zusammenhang“, sagt sie  in ihrem Beitrag „Gefährliche Forschung: Sinn und Zweck der Biolabore“ in die Kamera. 

Hier endet das Zitat. Eine klare Verschwörungstheorie aus der Sicht des ZDF. Auch ohne jeglichen Bezug zur Frage, woher die Corona-Viren stammen, denn die RT Deutsch-Reporterin spricht von „den letzten Jahren“ in der Ukraine, wo bislang nur ca. 1.000 Corona-Fälle festgestellt wurden. Es wird offensichtlich, dass Kynast an dieser Stelle manipuliert.

Dabei beruft sich Maria Janssen auf den ukrainischen Abgeordneten und ehemaligen stellvertretenden Staatsanwalt Renat Kusmin, der in einem bekannten Facebook-Eintrag vom 28. September 2018 die Existenz der US-Biolabore in der Ukraine bestätigte:

In der Ukraine arbeiten 15 (!) Laboratorien, in denen die amerikanischen Militärangehörigen tödliche Viren produzieren. Das geschieht nicht etwa irgendwo in einer amerikanischen Wüste, sondern in Odessa, Winnyzja, Uschgorod, Lwow,Charkow, Cherson und Ternopil. Mit dem stillen Einverständnis derjenigen, deren Pflicht es ist, Alarm zu schlagen. Allein schon wegen der Ausbrüche ungewöhnlicher Epidemien in der Ukraine wie der Vogelgrippe, den Masern, einer atypischen Lungenentzündung und der afrikanischen Schweinepest.

Maria Janssen nennt eine verdächtig hohe Anzahl an Todesfällen an Diphtherie und Botulismus in einigen der genannten Städte und schränkt dabei ausdrücklich ein: Ob sie tatsächlich etwas mit den US-Biolaboratorien zu tun haben, sei ungewiss. Aber egal wie sauber ein RT Deutsch-Journalist arbeitet – es ist ein leichtes Spiel, ihm etwas in den Mund zu schieben, wenn man das Zitat an der gewünschten Stelle abbricht.

Verfrühte Freude über einen gelöschten DFP-Beitrag

Zwei „unabhängige“ Experten runden den „russischen“ Teil (denn im Beitrag geht es auch um chinesische „Propaganda“) des Beitrags auf: die EU-Vizepräsidentin Věra Jourová und die Politikwissenschaftlerin Liana Fix von der Körber-Stiftung. Die beiden sagen mit fest eingepaukten Phrasen das Gleiche – Russland versucht mit diesen Falschnachrichten, die EU zu destabilisieren.

Ganz dramatisch wird es in dem Beitrag, als der ZDF-Journalist ein Zitatenspiel aus Überschriften unserer freien Autoren in deren Meinungsartikeln macht, wobei er die Betonung darauflegt, dass sie von einem russischen staatlich finanzierten Medium thematisiert werden. Am Ende findet eine symbolische Rache an RT Deutsch statt, als Kynast verkündet:

Den RT-Beitrag ‚Epidemie, die nie da war‘ hat YouTube diese Woche gelöscht.

Doch auch das ist falsch. Der Beitrag war in der Tat vorübergehend nicht abrufbar, aber womöglich aus einem ganz banaleren Grund – wegen des Ausfalls der YouTube-Mitarbeiter im Zuge der Corona-Krise und den damit verbundenen Fehlern. Seit Sonntag ist der Beitrag wieder online.

Vorsicht, Kritik! Andreas Kynast findet das nicht lustig. Vor allem, weil sie auf einer von Russland staatlich finanzierten Webseite erscheint.

Sonst hat Kynast noch einen ganz prominenten Sprecher in seinem Beitrag –Bundesaußenminister Heiko Maas. Er sagt:

Wir müssen dagegen etwas unternehmen. Wir wollen, dass die Menschen aufgeklärt sind, dass sie informiert sind, aber eben mit Fakten, die eben zutreffen, nicht mit solchen, die erfunden worden sind.

Bei aller gewöhnlichen Kritik vonseiten eines „russischen Mediums“ an Heiko Maas – hier sagt er etwas Richtiges. Man muss sich an die zutreffenden Fakten orientieren und nicht an die, die erfunden oder – wie in diesem Beitrag – herbeimanipuliert worden sind. Hat hier der ZDF-Autor mit einem unterschwelligen Humor und versteckter Selbstkritik gepunktet? Nein. Todernst prophezeit er am Ende seines Beitrags:

Die Epidemie der falschen Nachrichten hat erst begonnen.

Das ist traurig. So wie er und die anderen deutschen Medien arbeiten, müssten wir uns künftig darauf einstellen, unsere medienkritische Kolumne von nun an täglich zu führen. Eine düstere Aussicht.

Mehr zum Thema – Verdächtig wenig Corona-Fälle: Tagesschau wartet, wann „Russland von der Realität eingeholt wird“

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