Den Eindruck, dass sich in den zurückliegenden zwei Wochen in einigen kritischen Bereichen herzlich wenig geändert hat, erweckte vor allem Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz, als er auf den Mangel von Schutzmaterial für das medizinische Personal einging. Denn sowohl er, als auch Wirtschaftsminister Peter Altmeier haben in diesen zwei Wochen – ob im Ersten, ober bei ZDF – immer wieder betont: Die Weltmarktsituation mit diesen Artikeln sei äußerst angespannt, aber Deutschland sei bei der Suche nach Lieferanten weltweit überaus aktiv, die Inlandsproduktion dieser Produkte werde sehr bald gestartet. Mittlerweile seien diese Artikel viel teurer geworden, auf das Geld werde aber momentan nicht geschaut. Ziemlich das Gleiche wiederholte Scholz auch diesmal.

Der fatale Mangel an Schutzmaterial

Selbst der Virologe Prof. Alexander Kekulé, ein von deutschen Medien in den letzten Wochen sehr gefragter Experte, konnte sich bei „Anne Will“ nicht die Bemerkung verkneifen, diese Zusicherungen höre er nicht zum ersten Mal. „Lieber Herr Scholz, ich habe Sie schon ein paar Mal erlebt, letztes Mal haben Sie auch gesagt: ,Die Deutschen sind ein tolles Maschinenbauer-Volk.‘“ Nun fühle sich Kekulé, „als wären wir Feuerwehrleute auf dem Weg zum Einsatz, aber wir sprechen darüber, was wir morgen machen.“

Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, berichtete: Sie kenne persönlich Kolleginnen, die einen Einweg-Mundschutz über Nacht im Backofen aufbereiten. „Andere Kollegen sitzen abends am heimischen 3D-Drucker und basteln sich einen Gesichtsschutz“, fügte sie hinzu. Es wäre fatal, wenn sich in der jetzigen Situation immer mehr Ärzte und Pflegekräfte infizieren würden.

Ein Problem, das gerade in den zurückliegenden zwei Wochen in ganz tragischer Größe an den Tag getreten ist: dutzendfache Todesfälle in deutschen Alten- und Pflegeheimen. Das war ein Hauptthema auch bei der ZDF-Sendung „Maybrit Illner Spezial“, die 25 Minuten nach „Anne Will“ im Ersten losging. In beiden Sendungen hieß es, die Ursache für die Tragödie liege vor allem am Mangel an Pflegekräften und Schutzmaterial. Sowohl bei Anne Will, als auch bei Maybrit Illner ging es auch darum, dass die Patient*innen in diesen Einrichtungen nach Möglichkeit isoliert werden müssen – was aber für diese zu brutal wäre und ihre Lage womöglich weiter verschlimmern könnte. 

Pandemie bekämpfen durch Wegsperren?

Familienministerin Franziska Giffey hat anscheinend keine Antwort darauf, wie man aus dieser Sackgasse rauskommen soll. Genauso wie Scholz fühlte sich aber Regierungsmitglied Giffey in ihrem Element, wenn es um Geld geht. Etwa wie folgt: „Wir haben die Gelder für die Telefonseelsorge aufgestockt.“ Der Grüne-Chef Robert Habeck, von Maybrit Illner nach einer möglichen Lösung des Problems mit den pflegebedürftigen Betagten, hatte ebenfalls keine positive Antwort parat. Er weiß nur, was „nicht geht“: „Die Pandemie bekämpfen durch Wegsperren – das geht in die falsche Richtung… Nicht wie bisher mit dem Holzhammer alles platt hauen, sondern wie mit einem Florett kämpfen und gucken, ob man nicht genauer, flexibler, schneller dahin geht, wo das Virus ist.“  Nicht verwunderlich, dass Eva Ohlerth, eine Altenpflegerin mit 30jähriger Erfahrung, die Diskussion zu diesem Thema bei Maybrit Illner auf den Punkt brachte:

„Aus einem problematischen Heim würde ich meine eigene Mutter auf jeden Fall nach Hause holen.“

Natürlich ging es in beiden Sendungen auch um Masken. Bei „Anne Will“ wurde Christian Gerlitz, der Bürgermeister von Jena, zugeschaltet, wo eine Maskenpflicht beim Nahverkehr und Einkaufen, aber auch in den Arbeitsräumen mit mehreren Beschäftigten, ab Montag Pflicht ist. Die Verbindung per Skype mit Jena funktionierte aber gerade für Das Erste in einer unerhört blamablen Qualität, sodass die Zuschauer*Innen die Begründung des Bürgermeisters für diesen Beschluss rein akustisch kaum verstehen konnten. Der Virologe Kekulé „half“ da dem Sender – und dem Vizekanzler Scholz – quasi aus der Patsche, als er seine Version formulierte, warum es in Deutschland – im Unterschied zu Österreich oder der Slowakei – noch keine landesweite Mundschutzpflicht gibt: „Die Politik wagt es nicht zu sagen: ‚Ihr sollt es anziehen‘, weil dann sofort die Frage kommt: ‚Warum gibt es die nicht in der Apotheke?‘“

„Das Virus hat die öffentlich-rechtlichen Sender befallen“

Langsam fällt es auch den deutschen „Leitmedien“ auf, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit dem Thema Corona bereits leicht übertreibe.

Zu der Tatsache, dass „Anne Will“ und „Maybrit Illner“ am Sonntagabend nun zum dritten Mal hintereinander gleichzeitig – und zum gleichen Thema – liefen, meinte etwa das Magazin „Focus“: Das Virus hat sehr offensichtlich die öffentlich-rechtlichen Sender befallen. Vor dem Kampf um Quote und Gäste macht in diesen Tagen keiner halt.“

Bei all den dramatischen und zum Teil auch tragischen Themen in den beiden Talkshows gab es dennoch, zumindest bildmäßig, etwas, was die Zuschauer*innen wohl leicht optimistisch und lebensbejahend stimmen sollte: das knallrote Kleid von Franziska Giffey (mit passenden Strümpfen und Schuhen) und die blendend weiße, hautenge Hose von Anne Will. Die Outfits der Damen reimten sich nicht unbedingt mit der Dramatik und Tragik der Themen, sollte aber wohl heißen: „Es ist dennoch Frühling – und alles wird gut.“ ++

* Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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