Üblicherweise wird Wolfgang Kubicki, Bundestagsvizepräsident von der FDP, in Diskussionsrunden eingeladen, damit das Gespräch witzig und kontrovers verläuft. So hat der Politiker auch am Sonntagabend bei „Anne Will“ anfangs versucht, die Runde zu provozieren, die das Thema „Sorge um steigende Corona-Zahlen – reichen die Maßnahmen aus?“ behandeln sollte.

Gegen Corona-„Alarmismus“

„Man kann auf viele Maßnahmen verzichten“, äußerte er. „Es gibt bereits über 50 Urteile, die zeigen, dass viele Maßnahmen rechts- und verfassungswidrig waren.“

Seine Schlussfolgerung: „Man soll den Menschen mehr vertrauen.“ Und: „Man kann ja vielleicht auch mal an die Vernunft appellieren und nicht immer mit harten Sanktionen kommen, von denen man nicht mal weiß, ob sie mit der Rechtslage übereinstimmen.“

Keiner der Gäste wollte ihm widersprechen. Mehr noch: Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, pflichtete ihm zu: Genauso wie Kubicki sei er gegen jeglichen „Alarmismus“ in dieser Frage, der „eher zum Gegenteil“ führe. „Die Bürger sind in der Lage, Risiken abzuwägen“, meinte er und schoss im gleichen Atemzug gegen den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (ohne ihn allerdings beim Namen zu nennen): „Es gibt Leute im Süden, die suggerieren, je härter eine Maßnahme, desto sicherer sei sie auch.“ Mit unverhülltem Sarkasmus zog Gassen Söders peinliches Versagen beim „Test-Theater“ in Bayern im vergangenen Sommer durch den Kakao.

Auch die von Gesundheitsminister Jens Spahn unterbreitete Idee, „Fieberambulanzen“ einzurichten, bewertete Gassen als „keine gute Idee“. Diese wären höchstens vorübergehend und lokal, wo gerade ein Hotspot entstanden sei, sinnvoll.

„Schwedens Methode katastrophal“

Vizekanzler Olaf Scholz wirkte ebenfalls selbstsicher und entspannt. Man sei in puncto Corona „bisher gut gefahren“, betonte er. Man habe bisher „sehr regional, flexibel und sofort“ reagiert, „wenn das Infektionsgeschehen aus dem Ruder läuft“. Eine wesentliche Verschärfung der Corona-Maßnahmen sei nicht notwendig, wo doch die meisten anderen Länder trotz strengerer Maßnahmen wesentlich höhere Infektionszahlen aufweisen als die Bundesrepublik.

Apropos Ausland: Die „lockere“ schwedische Methode des Umgangs mit Corona bewerteten die Anwesenden als „katastrophal“. Dort hatte man anfangs bekanntlich ebenfalls auf Vernunft und Selbstverantwortung der Bürger gesetzt, als Folge machte dort die Sterberate rund das Sechsfache der deutschen Kennziffer aus.

„Wo die Schweden versagt haben, das war beim Schutz der alten Menschen“, bemerkte die Virologin Melanie Brinkmann. „Das finde ich dramatisch und ethisch absolut katastrophal“ – sagte sie.

Momentan sind in Deutschland 0,025 Prozent der Bevölkerung mit dem Coronavirus infiziert. Die Infektionszahlen steigen zwar kontinuierlich, aber keinesfalls exponentiell. Wozu ruft dann Kanzlerin Angela Merkel für den Dienstag einen Corona-Gipfel der Ministerpräsidenten der Bundesländer zusammen? Wahrscheinlich ist dort das übliche Geplänkel zwischen den „Hardlinern“ wie Söder (und wohl die Kanzlerin selbst) und den „Gemäßigten“ wie Scholz oder NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zu erwarten. Das genauso erwartungsgemäß mit dem Beschluss enden würde: Jedes Bundesland sollte ausgehend von den regionalen Corona-Begebenheiten agieren.

Vernichtende „Anne Will“-Kritiken

Wie dem auch sei: Die Diskussion am Sonntagabend bei „Anne Will“ war – nicht zum ersten Mal – trotz hochkarätiger und sicherlich kompetenter Gäste alles andere als spannend und hat insofern die Bezeichnung „Show“ keinesfalls verdient. Kennzeichnenderweise haben auch die „Leitmedien“ dies mittlerweile registriert und geizen nicht mit vernichtenden Kritiken. „Laden die Redaktionen die falschen Leute ein?“, schrieb etwa die „Süddeutsche Zeitung“. „Oder ist der Konsens im Umgang mit dem Coronavirus in der Gesellschaft einfach so groß, dass ein großer Streit nur konstruiert wäre?“ Nicht gerade schmeichelhaft klang auch die „FAZ“-Rezension zur „Anne Will“-Sendung vor einer Woche:

„Wer die gegenwärtige Misere der Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erleben wollte, bekam bei Anne Will einen bemerkenswerten Anschauungsunterricht. Eine Debatte fand nicht statt, stattdessen gab es ein Poesiealbum von Allgemeinplätzen.“

Die Zuschauer, die nach dem einlullenden Talk bei „Anne Will“ noch wach blieben und weiter „zappten“, konnten allerdings bei der privaten österreichischen Fernsehanstalt „Servus TV“ auf die Sendung „Corona-Quartett“ stoßen, bei dem es überaus kontrovers vor sich ging – vor allem dank der Teilnahme des namhaften Corona-Skeptikers Sucharit Bhakdi. Der Infektionsepidemiologe hatte vor einigen Monaten mit seinem Bestseller „Corona Fehlalarm?“ auch in Deutschland für Furore gesorgt. Die zahlreichen Bhakdi-Fans wären in der Servus-TV-Sendung sehr wohl auf ihre Kosten gekommen: Der Thailand-stämmige Experte bewertet nämlich die Maskenpflicht als „Idiotie“, den Lockdown als absolut überflüssig und Corona-Impfungen als sinnlos. Mal sehen, ob Professor Bhakdi einmal auch eine Einladung zu „Anne Will“ bekommen wird.

* Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.