Ein Schwarm von Wüstenheuschrecken über Weideland im Dorf Lemasulani, Samburu County, Kenia, am 17. Januar 2020.

Die ganze Welt schaut auf die Corona-Krise, doch es gibt eine weitere, sehr aktuelle Bedrohung: Die größte Heuschreckenplage seit 50 Jahren. Lässt sie sich nicht stoppen, droht eine dramatische Hungersnot in Afrika, im Nahen Osten und auf dem indischen Subkontinent.

Riesige Heuschreckenschwärme breiten sich über Ostafrika, die Arabische Halbinsel und den Nahen Osten aus und verschlingen Ernten, die eigentlich Millionen von Menschen ernähren sollen. Es handelt sich um die schwerste Heuschreckenplage der letzten 50 Jahre. Laut Robert Cheke, ein Biologe der Greenwich-Universität droht den afrikanischen Bauern, deren Subsistenzwirtschaft weitgehend der Selbstversorgung dient, zunehmendes Elend.

„Ich bin besorgt über das Ausmaß der Verwüstung und die Auswirkungen auf die menschlichen Lebensgrundlagen“, so Cheke gegenüber dem Onlineportal Inside Climate News. Er mache sich Sorgen um drohende Hungersnöte. „Trotz der Corona-Virus-Pandemie braucht die Region Geld und Ausrüstung, um Insektenbekämpfungsteams in den betroffenen Regionen einzusetzen“, erklärte Cheke weiter.

Samburu-Männer versuchen, einen Wüstenheuschreckenschwarm abzufangen, der über ein Weideland im Dorf Lemasulani, Samburu County, fliegt, 17. Januar 2020

Nach Angaben der Webseite für Heuschreckenbeobachtung der Vereinten Nationen bilden sich derzeit neue Schwärme – von Kenia bis zum Iran. Die Bekämpfung des Ausbruchs erfordere dringend zusätzliche Finanzmittel und technische Hilfe vonseiten der Industrieländer, sagte Cheke. Die unzureichende Größe des Teams und des Budgets der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO, die für die Heuschreckenüberwachung und -bekämpfung zuständig ist, sei bereits überfordert.

Veränderungen im Pflanzenwachstum, die durch höhere Kohlendioxidwerte verursacht würden, sowie Hitzewellen und tropische Wirbelstürme mit intensiven Regenfällen könnten zu vermehrten und unvorhersehbaren Heuschreckenschwärmen führen, was es schwieriger macht, künftige Ausbrüche zu verhindern.

Die Wüstenheuschrecke (Schistocerca gregaria) benötigt feuchte Erde, um sich fortzupflanzen. Nach besonders heftigen Regenfällen können die Populationen der normalerweise meist als Einzelgänger lebenden Insekten explodieren. In Kenia wurde im vergangenen Jahr einer der größten Schwärme entdeckt, der laut der Fachzeitschrift Nature dreimal so groß gewesen sein soll wie die Fläche von New York City. Schon ein Bruchteil dieser Fläche bedeutet zahlenmäßig eine Anzahl zwischen vier und acht Milliarden Heuschrecken.

Die Wüstenheuschrecke zählt zu den Arten, die als Wanderheuschrecken bezeichnet werden.

Zeitweise war die Plage in Ostafrika derartig stark, dass Starts von Flugzeugen verhindert wurden und so viele tote Heuschrecken auf Gleisen lagen, dass Züge stoppen mussten. Warmes Wetter und heftige Regenfälle Ende 2019 schufen einen perfekten Brutsturm für die zerstörerischen Insekten. Der Ausbruch folgte auf eine ungewöhnlich aktive Zyklonsaison im westlichen Indischen Ozean, wobei mehrere der Stürme extreme Regenfälle in Teile Ostafrikas brachten.

Heuschrecken schwärmen aus, um mehr Nahrung zu finden, wenn sie im Nymphenstadium ihrer Entwicklung extrem dichte Populationen erreichen. Mit der Hilfe des Windes können die fliegenden Insekten dann mehr als 140 Kilometer pro Tag zurücklegen. Wissenschaftler warnen davor, dass sie sich noch über hunderttausende Quadratkilometer von Äthiopien und Saudi-Arabien bis in den Sudan und über den Persischen Golf, über das Arabische Meer sowie bis in den Iran, nach Pakistan und Indien ausbreiten könnten. Eine solche Ausbreitung würde die Lebensmittelversorgung von etwa 20 Millionen Menschen gefährden.

Eine derartige Nahrungsmittelknappheit würde sich vor allem im späteren Verlauf des Jahres bemerkbar machen – es ist also noch Zeit für Gegenmaßnahmen. Aber die Reisebeschränkungen aufgrund der COVID-19-Pandemie gefährden auch Projekte zur Bekäpfung der Heuschreckenplage sowie Hilfsmaßnahmen. Laut dem Heuschreckenbeobachtungsprogramm der UNO sind die Länder mit dem größten Risiko Kenia, Äthiopien, Somalia, Iran, Pakistan und Sudan.

Laut Cheke ließen schlechte Überwachung, innerstaatliche oder zwischenstaatliche Konflikte sowie ungenügende staatliche Administration in bedeutenden Gebieten für Heuschreckenvermehrung den jüngsten Ausbruch unkontrolliert wachsen. „Alles begann mit beträchtlichen Regenfällen im Mai und im Oktober 2018, die es ermöglichten, die enorme Vermehrung der Wüstenheuschrecken in unbewohnten Gebieten der arabischen Halbinsel bis März 2019 fortzusetzen, wo sie somit unbemerkt und unkontrolliert blieb“, so der Wissenschaftler.

Neben der anhaltenden Heuschreckenplage am Horn von Afrika gab es in letzter Zeit Ausbrüche unterschiedlicher Intensität in Gegenden wie auf Sardinien, im Mittelmeer und sogar in Las Vegas.

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