„Parallel zur Drosselung der Öl-Produktion im Rahmen der Opec und Russland, sollten auch die USA nach Vorstellungen Russlands ihre Öl-Marktanteile reduzieren, damit der Preis sich stabilisiert zugunsten von allen Öl-Staaten.“ So beurteilte der aus dem Iran stammende Rohstoff-Analytiker, Energie-Experte und Politologe Behrooz Abdolvand im Interview die neuen russischen Vorschläge zum Öl-Weltmarkt. Abdolvand ist der Rohstoff-Analytiker und Managing Director der „DESB GmbH“ in Potsdam.

„Der Wortlaut von Präsident Putin ist sehr durchdacht gewesen“, so der Energie-Fachmann zu den neuen Vorschlägen aus Moskau.

Zuvor berichteten internationale Medien über einen Vorschlag Russlands wenige Tage vor den Beratungen der Organisation Erdölexportierender Länder (Opec) über die Folgen der Corona-Pandemie am Donnerstag. Russlands Präsident Wladimir Putin habe eine Zusammenarbeit bei der Drosselung der Ölförderung angeboten. Sein Land sei „bereit zu einer Zusammenarbeit in dieser Frage mit der Opec+ und den USA“, erklärte der russische Präsident laut Medien am vergangenen Freitag.

Russland stehe in direktem Kontakt mit Saudi-Arabien, so Putin den Berichten nach. Auch zu einer Zusammenarbeit mit den USA sei Moskau bereit. Putin glaube, es sei notwendig, „die Anstrengungen zu vereinen, um den Markt auszugleichen und die Produktion zu verringern“. Das sagte er laut einer vom Kreml veröffentlichten Mitschrift eines Gespräches mit dem russischen Energieminister Alexander Nowak.

Russland spricht am Donnerstag mit Opec-Staaten

Am Montag war ursprünglich ein Treffen von Ölförderländern der Gruppe der sogenannten Opec+ mit Russland geplant. Das wurde allerdings auf Donnerstag verschoben. Die Opec+ setzt sich aus Ländern des Öl-Kartelles sowie weiteren großen Förderländern wie Russland zusammen. „Die Verschiebung der mit großer Spannung erwarteten Krisenkonferenz zwischen dem Ölkartell Opec und Russland setzt den Öl-Preisen zu“, berichtete das „Handelsblatt“ am Montag. „Die Sorte Brent verbilligte sich zum Wochenanfang um 3,7 Prozent auf 32,84 Dollar je Barrel. Das US-Öl WTI gab drei Prozent auf 27,49 Dollar je Barrel nach.“

Die weltweite Nachfrage nach Erdöl ist wegen der Covid-19-Pandemie und der damit zusammenhängenden massiven Einschränkungen für die Wirtschaft deutlich zurückgegangen. Anfang März hatte Russland noch gegenüber der Opec eine Drosselung der Ölförderung zur Stabilisierung der Preise abgelehnt. Das wichtige Förderland Saudi-Arabien senkte daraufhin den Ölpreis massiv und kündigte zudem an, die Fördermenge zu erhöhen. Daraufhin entbrannte ein „Preis-Krieg“ um Öl zwischen Moskau und Riad.

Werden USA auf Putins Öl-Vorschlag eingehen?

Nun will Russland einlenken und fordert auch andere Öl-Mächte wie die USA und Saudi-Arabien dazu auf. Noch am Wochenende hatte Riad russische Vorwürfe zurückgewiesen, das Königreich sei für den jüngsten Verfall der Ölpreise verantwortlich.

„Ich glaube, die USA machen aktuell politischen Druck, damit Saudi-Arabien tatsächlich die Lösung zur Drosselung der Öl-Produktion akzeptiert“, sagte Rohstoff-Experte Abdolvand. Der Druck Washingtons gegenüber der saudischen Öl-Politik sei aktuell „massiv und immens.“

„Das geht soweit, dass die USA sogar Sanktionen gegenüber Saudi-Arabien in Betracht gezogen haben. Falls es tatsächlich zu einer Einigung kommen sollte, wird Russland nur dann diese aus meiner Sicht akzeptieren, wenn im Gegenzug auch die Sanktionen der USA gegen den russischen Öl- und Gas-Sektor – insbesondere in Bezug auf Nordstream 2 – aufgehoben werden.“

„USA sollten Sanktionen lockern“

Laut Abdolvan muss angesichts der Weltlage auch die USA eine Drosselung der US-amerikanischen Öl-Fördermenge in Betracht ziehen. „Aktuell werden weit mehr als drei Millionen Barrel Öl produziert“, sagte er mit Blick auf den weltweiten Öl-Markt vor dem Hintergrund der weltweiten Corona-Krise und damit zusammenhängender Rückgänge bei der Öl-Nachfrage.

„Inzwischen ist für 20 Prozent des Marktes die Öl-Produktion sozusagen überflüssig geworden. Man könnte die Gelegenheit noch nutzen, um noch strategische Reserven aufzubauen. Aber trotzdem, so denke ich, müssten die Fördermengen um circa 15 Millionen Barrel reduziert werden.“

Der Experte meinte: „Falls es tatsächlich zu einer Einigung kommen sollte, wird Russland diese nur dann aus meiner Sicht akzeptieren, wenn im Gegenzug auch die Sanktionen der USA gegen den russischen Öl- und Gas-Sektor – insbesondere bei Nordstream 2 – aufgehoben werden.“

Neue US-Zölle auf Öl?

Falls die USA doch darauf drängen sollten, dass „Opec und Russland weiterhin zehn bis 15 Millionen Barrel Öl produzieren, dann ist das in meinen Augen eine Fehlkalkulation.“ Hintergrund sei, dass US-Präsident Donald Trump eine drohende Pleitewelle für US-Ölproduzenten und US-Fracking-Firmen stoppen möchte. Aus Sicht Abdolvands benötigt Washington auf dem Weltmarkt einen konstanten Mindest-Ölpreis von 50 Dollar je Barrel, damit die US-Fracking-Industrie „halbwegs auf den Beinen bleibt.“

Bei einem solchen Szenario bleibe Trump als Option nur noch „die Einführung von Einfuhrzöllen auf Öl als Lösung zur Rettung des US-Ölsektors“, schätzte der Experte ein. „Das würde nicht nur Auswirkungen für die USA nach sich ziehen, sondern im Prinzip für die ganze Welt. Das würde außerdem die Aussichtslosigkeit im US-Ölsektor zeigen, vor allem im Bereich des Frackings.“

Die US-Regierung wolle die nationale Öl- und Gasindustrie „angesichts des jüngsten Preisverfalls mit allen verfügbaren Mitteln unterstützen“, meldete die Nachrichtenagentur DPA am Wochenende. „Amerikas Präsident Donald Trump schließt die Verhängung von Zöllen auf Öl-Importe nicht aus, sollten sich die Preise nicht stabilisieren“, ergänzte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) am Montag. „Wenn der Ölpreis auf dem derzeit niedrigen Niveau bleibe, würde er ‚sehr erhebliche Zölle‘ anordnen, sagte Trump am Sonntag vor Journalisten in Washington.“ Aber er denke nicht, „dass ich das tun muss, weil Russland davon nicht profitieren würde und Saudi-Arabien auch nicht“.

„China kauft massiv russisches Öl“

Abdolvand schätzte die aktuelle Lage ebenfalls so ein, dass „es nicht so weit kommen wird. Saudi-Arabien scheint bereit, die Öl-Produktion zu reduzieren. Wenn tatsächlich auch US-Präsident Trump in der Frage nach Sanktionen gegenüber Russland Zugeständnisse und Konzessionen macht, wird auch diesbezüglich eine Lösung seitens Russland möglich sein.“

Wie internationale Wirtschaftsmedien am Montagnachmittag berichteten, stehen „Saudi-Arabien und Russland nach Angaben eines russischen Unterhändlers unmittelbar vor einem Abkommen zur Kürzung der Öl-Fördermengen“.

Zudem habe China in den vergangenen Wochen und Monaten „massiv Öl aus Russland eingekauft, das war auch zum Nachteil von Saudi-Arabien gewesen. Im Prinzip haben Saudi-Arabien und die USA gar keine andere Wahl außer a) die Produktion zu reduzieren und b) gegenüber Russland Zugeständnisse in der Sanktions-Frage anzubieten“, so der iranisch-deutsche Energie-Analytiker.

Verbraucher und Autofahrer würden derzeit an manchen Tankstellen in Deutschland den Liter Diesel für weniger als einen Euro bekommen. „Wenn wir die Problematik mit dem Coronavirus betrachten“, kommentierte der Energie-Experte aus Potsdam, „dann sehen wir, dass der Transportsektor jetzt sehr minimiert und zurückgegangen ist, weil eben viele Menschen zu Hause arbeiten. Weil weniger verbracht wird, sinkt der Preis. Aber dieser Effekt ist aufgrund der eingeschränkten Mobilität nur sehr begrenzt.“

Steuert Weltwirtschaft auf große Katastrophe zu?

Die Weltwirtschaft steuere auf eine „große Katastrophe“ zu, warnte Abdolvand. „Eine massive Weltwirtschaftskrise steht vor der Tür. Die Regierungen versuchen, der Wirtschaft langsam auf die Beine zu helfen. Wenn in wenigen Wochen die Corona-Krise besser kontrolliert wird, könnte die Weltwirtschaft langsam zur Normalität oder Halb-Normalität zurückkehren.“

Dann wäre eine gesunde Kombination aus der Drosselung der Öl-Produktion sowie der langsamen Erhöhung von Öl-Verbrauch und Mobilität sinnvoll. Davon würden die umsatz- und gewinnstärksten Bereiche der Wirtschaft profitieren. Dem könne ein sanfter Beginn einer Erholung für die Weltmärkte folgen. „So könnten wir langsam das Problem meistern“, erklärte der Rohstoff-Experte.

Falls dieses positive Szenario nicht gelänge, „werden wir es mit einer massiven Krise in der Weltwirtschaft zu tun haben, mit hoher Arbeitslosigkeit. Millionen von Arbeitsplätzen würden dann verloren gehen. Deswegen sind jetzt die Regierungen der Staaten gefragt: Neben der Kontrolle des Coronavirus müssen sie jetzt auch Maßnahmen zur Wiederbelebung der Weltwirtschaft auf den Weg bringen. Sonst werden wir es mit einer gigantischen Katastrophe zu tun haben.“

Allerdings meinten laut Medien Experten der Internationalen Energie Agentur (IEA) bereits mit Blick auf den neuen Öl-Vorschlag Putins, selbst die größte Förderkürzung in der Geschichte der Ölindustrie würde den Markt nicht beruhigen. Andere Marktbeobachter sehen die Lage anders. Es sei die „Intensität der bilateralen Beziehung zwischen Saudi-Arabien und Russland“, mit der alles stehe oder falle. Das sagte Konstantin Simonow, Generaldirektor der Moskauer Stiftung für Nationale Energiesicherheit schon vor einigen Wochen laut der Zeitung „Welt“.

Das Radio-Interview mit Dr. Behrooz Abdolvand zum Nachhören:

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