Ende März flatterten bei einigen Patienten in Wales im Westen Großbritanniens unerfreuliche Briefe von ihren Allgemeinmedizinern ins Haus. Ihnen wurde klargemacht, dass sie im Falle einer Ansteckung mit dem Corona-Virus nicht auf Hilfe zählen könnten.

In der zweiten Märzhälfte forderte das britische Gesundheitsamt NHS die Ärzte landesweit auf, mit ihren Risikopatienten über die Möglichkeit zu sprechen, eine Verzichtserklärung auf Wiederbelebung zu unterzeichnen. Das würde angesichts der rasenden Verbreitung des Corona-Virus dringend benötigte Kapazitäten bei medizinischem Personal freimachen, berichtete etwa die Sunday Times.

Nur wenige Tage später verschickte Llynfi Surgery, ein Krankenhaus in Maesteg/Wales, einen Brief an seine Patienten, worin darauf hingewiesen wurde, wie mit schwer kranken oder alten Menschen in dieser Corona-Krise umgegangen wird. Ein Empfänger dieses Briefes, der anonym bleiben wollte, schickte ihn an das Portal WalesOnline und empörte sich über das, was ihm die Ärzte als Empfehlung zugeschickt haben.

Darin wird erwähnt, dass Menschen mit „signifikanten lebenslimitierenden Krankheiten“ wie etwa unheilbarem Krebs oder chronischen Herzerkrankungen durch eine Ansteckung mit dem Virus einem „viel größeren Risiko“ ausgesetzt seien. Und weiter heißt es dann dazu:

Menschen mit diesen Erkrankungen werden wahrscheinlich nicht in Krankenhäusern aufgenommen, wenn es ihnen (deswegen) schlechter geht, und ganz sicher bekommen sie kein Beatmungsbett angeboten. Für die meisten Menschen mit diesen Erkrankungen ist es die beste Option, zu Hause zu bleiben und von Freunden und Familie gepflegt zu werden, mit fortwährender Unterstützung von uns und Gemeindepflegediensten.

Aus diesem Grund bitte man die Patienten, eine Verzichtserklärung für Wiederbelebung zu unterzeichnen. Das hätte „mehrere Vorteile“, schreiben die Verfasser des Briefes. Die Allgemeinmediziner und „noch wichtiger Ihre Freunde und Familie“ wüssten dann, dass sie nicht den Notruf wählen müssten, was die ohnehin schon „knappen Ambulanzressourcen für die Jungen und Fitten“ freimachen würde, die eine „größere Chance haben, die Infektion zu überleben“. Und am Briefende heißt es dann:

Wir werden Sie nicht verlassen, aber wir müssen offen und realistisch demgegenüber sein, was die nächsten paar Monate für alle von uns bereithalten.

Drei Obdachlose sitzen am 23. März mit großem Abstand auf Parkbänken auf einem Platz in Berlin-Kreuzberg. Während der Corona-Krise haben Obdachlose als Risikogruppen mit massiven Einschränkungen ihrer Grundversorgung und medizinischer Hilfe zu kämpfen.

Der Patient, der den Brief an die Medien weiterleitete, meinte, dass er und seine Familie sich furchtbar darüber aufgeregt hätten:

Es war, als hätte ich mein Todesurteil vom Sensenmann erhalten. Ich habe mich wertlos gefühlt. Seit acht Jahren lebe ich mit Krebs, und ich will noch ein paar weitere Jahre leben. Ich schaufle mir noch nicht mein Grab. 

Nachdem der Brief in sozialen Netzwerken für Furore und bei den betroffenen Menschen für Ärger gesorgt hatte, wurden auch Parlamentsabgeordnete wie Chris Elmore des Landkreises Ogmore auf diesen Fall aufmerksam. Daraufhin kontaktierten sie umgehend den Vorsitzenden der Gesundheitsbehörde in Wales, was schließlich zu einer Entschuldigung vonseiten des Krankenhauses Llynfi Surgery führte.

Erneut wandten sich die Ärzte mit einem Brief an die Patienten und erklärten, dass der verursachte Ärger nicht „beabsichtigt“ war. Man wolle direkt mit den Betroffenen sprechen und sich persönlich dafür entschuldigen, hieß es weiter. 

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