Mit einer Studie wollen Wissenschaftler um Hendrik Streeck, Direktor des Institutes für Virologie an der Universitätsklinik Bonn, untersuchen, warum der Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen (NRW) besonders von der Ausbreitung des Virus Sars-Cov-2 und der von ihm laut Weltgesundheitsorganisation WHO ausgelösten Krankheit Covid-19 betroffen ist. Das erklärten am Dienstag neben Streeck NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und der Heinsberger Landrat Stephan Pusch (CDU) auf einer Pressekonferenz in Heinsberg. Der Auftrag dazu kommt von  der Landesregierung, ebenso das notwendige Geld.

In der „Covid-19 Case-Cluster-Study“ gehe es unter anderem darum, die Dunkelziffer der inzwischen mit dem Virus Sars-CoV-2-Infizierten und derjenigen, die bereits eine Infektion durch­ge­macht haben, genauer zu bestimmen. Das berichtet die Fachzeitung „Ärzteblatt“ in ihrer Onlineausgabe. Es sei kaum etwas darüber bekannt, welche Verhaltensweisen innerhalb und außerhalb von Haushalten und Lebensgemein­schaften zu einer stärkeren sogenannten Durchseuchung führen, aber auch nicht, welche eher vor Übertragung schützen.

Heinsberg dem Rest des Landes voraus

Der Landkreis gilt als die am stärksten vom Virus betroffene Einzelregion in der Bundesrepublik. Die ersten Betroffenen wurden Mitte Februar aus der dortigen Gemeinde Gangelt gemeldet, kurz nach einer Karnevalssitzung. „Heinsberg hat seitdem viel durchgemacht“ schreibt die Zeitung „Rheinische Post“ (RP) dazu. „Eindämmungsmaßnahmen wurden viel früher erlassen als im Rest der Republik. Es gab Anfeindungen gegen Teile der Bevölkerung. Der Landkreis hatte am Dienstag 1266 Infizierte, 35 Menschen sind gestorben. Die Kurve der Infektionsfallzahlen flacht allmählich ab, wenn auch sehr langsam.“ Etwa 600 Menschen gelten als genesen.

Auf der Pressekonferenz am Dienstag erklärte Landrat Pusch: „Heinsberg ist dem Rest Deutschlands ungefähr zweieinhalb Wochen voraus.“ Er sagte auch, dass kaum konkrete Fakten über die Vorgänge bekannt seien und es darum ginge, „Licht ins Dunkel“ zu bringen.

In der stark betroffenen Gemeinde Gangelt leben laut der RP rund 12.000 Einwohner. 1000 von ihnen seien vom Landkreis mit der Bitte angeschrieben, sich für die Pilotstudie zu melden. Die Menschen seien nicht zufällig ausgewählt geworden, sondern auf Basis einer repräsentativen Stichprobe, die in Zusammenarbeit mit dem Sozialforschungsinstitut Forsa erstellt worden sei, erklärte Streeck laut der Zeitung.

Umfangreiche Datenerhebung

Mit etwa 40 Mitarbeitenden wird der Virologe von den Probanden Daten per Fragebogen, machen Abstriche erheben, Spucke einsammeln und Blutproben nehmen, wie er auf der Pressekonferenz erklärte. Die erhobenen Daten sollen die vollständige Belastung des Kreises Heinsberg mit dem Virus zeigen, heißt es im „Ärzteblatt“ dazu. Es gehe auch um die Frage „Wer hat sich nicht infiziert und warum“, wird Streeck zitiert. Es gehe auch um die Vorerkrankungen der Infizierten.

Die Studie soll helfen herauszufinden, ob und wie sich das neue Corona-Virus „über die Luft, über Oberflächen, Gegenstände des täglichen Bedarfs, Lebensmittel, Wasser und gemeinsame Nutzung sanitärer Anlagen überträgt“. Viele Menschen würden derzeit fragen, ob sie inner­halb der Familie etwa noch gemeinsame Türklinken anfassen dürfen, ihr Handy weiterge­ben könnten, was man noch gemeinsam essen dürfe, so Streeck.

Der Wissenschaftler hofft den Berichten zufolge, so bald wie möglich präzisere Präventionsempfehlungen als bisher aussprechen zu können. Um die Daten vollständig zu erheben sei eine Zeit von vier Wochen notwendig. Bereits Ende nächster Woche rechnen die Bonner Wissenschaftler mit ersten belastbaren Ergebnissen, heißt es. Landrat Pusch erklärte, so könnten rechtzeitig Daten über die Ausbreitungswege bereitstehen, wenn zu Ostern über politische Maßnahmen wie die Kon­takt­­sperren neu entschieden werden müsse. Die Studie liefere wichtige Pilotdaten, denn ähnliche wissenschaftliche Daten würden bisher aus Chi­na oder anderen Ländern nicht zur Verfügung stehen.

Verwunderung über zurückhaltendes RKI

Den Berichten zufolge wunderte sich Virologe Streeck, dass das Robert-Koch-Institut (RKI) eine solche Studie nicht bereits längst begonnen habe. Er kündigte außerdem kleine zusätzliche Studien an, mit denen die Ansteckungswege in Alten- und Pflegeheimen, in Krankenhäusern und in Kindergärten untersucht werden sollen. Das soll helfen zu erkennen, ob und wie Kinder zu der Virus-Ausbreitung betragen. Zum anderen sei das für die sogenannten Risiko-Gruppen, die Älteren und Kranken wichtig, um diese besser schützen zu können.

Der Virologe Streeck ist an dem Bonner Uni-Institut der Nachfolger von Christian Drosten, der im Herbst 2019 an die Berliner Charité wechselte und die Bundesregierung berät. In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) hatte er Mitte März gesagt:

„Ich bin wahrscheinlich der Virologe, der die meisten Patienten hier in Deutschland gesehen hat. Wir sind im von Covid-19 besonders betroffenen Kreis Heinsberg von Haus zu Haus und zu jedem Infizierten gegangen und haben die Menschen befragt.“

In dem Interview hatte er auch erklärt, dass die Todeszahlen im Zusammenhang mit dem Virus auch in Deutschland steigen werden, „aber nicht um solch apokalyptisch hohen Zahlen, wie sie zum Teil in Umlauf sind“. Bei den Sars-CoV-2-Toten in Deutschland handele es sich vor allem um alte Menschen. „In Heinsberg etwa ist ein 78 Jahre alter Mann mit Vorerkrankungen an Herzversagen gestorben, und das ohne eine Lungenbeteiligung durch Sars-2. Da er infiziert war, taucht er natürlich in der Covid-19-Statistik auf.“

Maßnahmen werden verlängert

Streeck sagte gegenüber der FAZ auch: „Die Frage ist aber, ob er nicht sowieso gestorben wäre, auch ohne Sars-2. In Deutschland sterben jeden Tag rund 2500 Menschen, bei bisher zwölf Toten gibt es in den vergangenen knapp drei Wochen eine Verbindung zu Sars-2. Natürlich werden noch Menschen sterben, aber ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage: Es könnte durchaus sein, dass wir im Jahr 2020 zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr.“

Insgesamt wurden in Deutschland 61.913 laborbestätigte Covid-19-Fälle registriert, wie das RKI am Dienstag mitteilte. Darunter seien „583 Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen“. 87 Prozent der Todesfälle sind laut RKI 70 Jahre oder älter.

Seit dem 23. März gilt in der Bundesrepublik ein bundesweites Versammlungsverbot. Dadurch sind Versammlungen von mehr als zwei Personen mit wenigen Ausnahmen grundsätzlich verboten. Davon ausgenommen sind Familien und Personen, die in einem Haushalt leben. Zudem mussten Restaurants und Betriebe für die Körperpflege unverzüglich schließen. Supermärkte sowie Lebensmittel- und andere Versorgungsgeschäfte haben weiter geöffnet, in einigen Bundesländern unter anderem auch Buchläden. Inzwischen haben unter anderem Berlin und Brandenburg die Regelungen bis zum 19. April verlängert, wie am Dienstag gemeldet wurde.

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