Leslie Varenne, Direktorin des Instituts für Beobachtung und Analyse der internationalen und strategischen Beziehungen IVERIS, sprach mit Sputnik über die Сovid-19-Lage in Afrika.

Dieses Dienstschreiben hätte eigentlich nicht öffentlich werden sollen. Doch es ist im Internet zu finden. Das Dokument mit dem Titel „Schuppentier-Effekt: Ein aus Afrika drohender Sturm?“ wurde vom Zentrum für Analyse, Prognose und Strategie (CAPS), das dem Außenministerium Frankreichs untergeordnet ist, erstellt.
Keine Witze über den Tod …

Der Ton diktiert bereits die Überschrift, die für ein diplomatisches Papier wohl eher untypisch ist. „Schuppentier-Effekt“ bedeutet, dass eine rasante Ausbreitung der Pandemie in Afrika bereits als Fakt gilt. Den Autoren zufolge ist eine „starke Welle“ zu erwarten, wobei keine Zweifel an „einer sehr hohen Todeszahl“ aufkommen.

Analysten des französischen Außenministeriums sind nicht die einzigen, die eine Katastrophe prognostizieren. Bereits am 18. März, als in ganz Afrika rund 500 Fälle von Infiziertenfestgestellt worden waren, rief die WHO die Afrikaner dazu auf, „sich auf das Schlimmste vorzubereiten“.

Zehn Tage später, obwohl das Coronavirus sich nicht prompt verbreitete, wie von den „Experten“ erwartet wurde, hieß es in der UNO, dass „die Krankheit sich jetzt auch in Afrika schnell ausbreitet, und enorme Anstrengungen vonnöten sind“. Ohne diese Anstrengungen seitens der internationalen Gemeinschaft, ohne Begreifen dieser „vorrangigen Aufgabe“ drohen „Millionen Tote“, so Antonio Guterres.

In der westlichen Kultur stehen Fledermäuse häufig für Unglück bzw. Tod. Die These „Vögel – Unheilsbote“ wird auch von vielen medizinischen Experten geteilt. So behauptete ein Epidemiologe am 3. April, obwohl zum damaligen Zeitpunkt in Afrika 7177 Fälle gezählt wurden, dass 10.000 Menschen erkrankt seien, und sagte: „Das Coronavirus verbreitet sich massiv in Afrika“, ohne sich auf genaue Daten zu stützen.

Mit genauen Daten ist das so eine Sache, weil der Anstieg der Zahlen nicht den Ausbruch einer Epidemie wiedergibt. Am 13. März waren auf dem afrikanischen Kontinent 200 Covid-19-Fälle festgestellt worden, am 6. April waren es 9310 Fälle bei einer Bevölkerung von mehr als 1,3 Mrd. Angesichts fehlender sanitärer Infrastruktur, Bevölkerungsdichte, Begleiterkrankungen (AIDS, Hypertonie, Diabetes) hätte die Geschwindigkeit der Corona-Ausbreitung hoch sein müssen, wie in den USA, als innerhalb eines Monats, vom 6. März bis zum 5. April die Zahl der Erkrankten von 236 auf 336.673 stieg, wobei die Einwohnerzahl dort um das Vierfache geringer als in Afrika ist.

Zudem machen alle Organisationen und „Experten“ immer wieder denselben Fehler, wenn sie von Afrika als Einheit sprechen, obwohl es dort 55 Länder gibt. In verschiedenen Ländern verbreitet sich das Virus verschieden aus. Afrika ist da keine Ausnahme. Deshalb wäre es nicht richtig, von Massenopfern in Afrika zu sprechen.

Die Nacht ist nicht so dunkel

In fünf Ländern, die am meisten betroffen sind – Südafrika, Algerien, Marokko, Ägypten und Kamerun – wurde 5912 Fälle gezählt, also 70 Prozent der Gesamtzahl der registrierten Fälle. Natürlich könnte man sagen, dass die Länder keine Tests machen bzw. nicht ausreichend Tests machen, weshalb die Zahlen nicht der Realität entsprechen. Dennoch sind nicht nur in Afrika Probleme mit den Tests zu erkennen. Kein einziges Land kann sagen, dass es über absolut glaubwürdige Angaben verfügt. Zudem haben die Länder Afrikas keinen Grund, die Zahlen schönzureden, denn sie sind auf die internationale Hilfe angewiesen. Zudem hätte man eine flächendeckende Corona-Ausbreitung kaum verheimlichen können. Wie in den am meisten betroffenen Ländern – Frankreich, Spanien, Italien – hätte es in jeder Familie einen Corona-Infizierten gegeben, was nicht der Fall ist.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Covid-19 nicht über den Kontinent schwappt und man sich nicht auf eine Epidemie vorbereiten muss. Das heißt nur, dass die meisten afrikanischen Länder besser gegen die Krankheit gewappnet sind. Die Gründe dafür sind nicht eindeutig bekannt. Es gibt mehrere Hypothesen: Immunität dank Antikörpern, die als Antwort auf zahlreiche Bakterien in Afrika produziert werden; junge Bevölkerung; Aufnahme des Antimalariamittels Chloroquin innerhalb vieler Jahre; Impfstoff gegen Tuberkulose, die in vielen afrikanischen Ländern immer noch obligatorisch ist und laut einigen Studien vor Covid-19 schützen könnte.

Außerdem sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass Afrika die Ebola-Epidemie überstanden hatte. Die Regierungen der afrikanischen Länder wissen, was eine Epidemiebedeutet; sie sind nicht absolut ungeschützt. Zudem übernahmen viele Länder wie Senegal, Elfenbeinküste, Burkina Faso ein Behandlungsverfahren von Marseiller Professor Didier Raoult, der eine Kombination aus Chloroquin und Azithromycin vorschlug. In der Elfenbeinküste und Burkina Faso wird die Produktion von Chloroquin aufgenommen.

Corona-Revolution?

Trotz aller unbestrittenen Fakten bevorzugt das Außenministerium Frankreichs, seine Prognose auf einem finsteren Szenario aufzubauen. Zu einer sanitären Krise kommt „eine weitere Krise, die die schwachen Regimes (Sahel-Region) und ganz geschwächten Regimes (Zentralafrika) destabilisieren und sogar stürzen wird“. Als ob das Coronavirus den Weg zueinem Machtwechsel in Zentralafrika ebnen würde …

Allerdings zeichnet sich ein ganz anderes Bild ab. Einige „Regimes“, wie sie von den Autoren undiplomatisch genannt werden, nutzen die Situation, um ihre Macht zu festigen, indem sie sich noch mehr Vollmachten unter dem Vorwand der Gewährleistung der Sicherheit verleihen. Es könnte also im Gegenteil zur Festigung der uneingeschränkten Macht statt zu Revolution kommen.

Der Sturm kommt

Dieses Dienstschreiben vermittelt ein negatives Bild, wobei das Unwissen einiger Autoren über die afrikanischen Länder, die geistige Kraft der afrikanischen Bevölkerung zum Vorschein kam.

Ebenfalls negativ wurden die im französischen TV-Sender LCI geäußerten Erklärungen von Jean-Paul Mira, Leiter der Ambulanz des Krankenhauses Cochin, wahrgenommen, der über die Zweckmäßigkeit der Tests des BCG-Impfstoffs an Afrikanern sprach, wobei wie bei Prostituierten und AIDS verfahren wird. Dem stimmte der Wissenschaftler vom Nationalen Institut für Gesundheitswesen und medizinische Studien, Camille Locht, zu. Die Worte der Experten sorgten nicht nur in Sozialen Netzwerken für Empörung. Der Sprecher des Präsidenten Senegals, Macky Sall, sagte, dass diese Worte von Schwachsinn zeugen würden. Doch die Lage ist noch schlimmer, weil zwei renommierte Professoren einen BCG-Impfstoff an Menschen testen wollen, die bereits geimpft sind! Vielleicht kennen sie Afrika auch nicht besonders gut.

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