Über 400 Beschwerden zum Video „Corona rettet die Welt“ haben zum heutigen Montag den deutschen Presserat erreicht – alles vergebens, wie der Presserat meldete, denn man hätte sich direkt an die Rundfunkräte der ARD wenden müssen.

Als Satire war das Produkt der öffentlich-rechtlichen Jugendwelle „Funk“ gedacht, aber meinten die Hersteller wirklich, die Kritik wäre nach dem WDR-Fall nicht vorprogrammiert gekommen in den Zeiten, in denen die Alten tatsächlich sterben? „Unverzeihliche Entgleisung“, die von den Öffentlichen bezahlte Hetze „mit Nazilogik“, reagierten manche Zuschauer empört, immer wieder würden ja die Jungen gegen die Alten ausgespielt – zu Recht.

Absichtlich missverstanden? 

In einem Statement entschuldigt sich nun die Jugendwelle „Funk“ bei ihren ZuschauerInnen und erklärt nebenbei, warum man das Video – anders als der WDR es mit „Oma ne alte Umweltsau“ gemacht hatte – nicht löschen wird. Hauptsache: Es sei nie die Absicht des „Funk“ oder des Satirikers Schlecky Silberstein vom „Bohemian Browser Ballett“ gewesen, alte Menschen zu diskriminieren oder zu beleidigen.

„Ein sich wiederholendes Stil-Element bei Videos des Bohemian Browser Balletts ist, dass radikale Positionen persiflierend eingenommen werden“, heißt es weiter in der Erklärung. Für das Format, das „immer nach allen Seiten, nach links wie rechts austeilt“, wurde man übrigens schon „mit dem renommierten Grimme-Preis ausgezeichnet“ – also stehe man weiter dazu.

Das Video lasse sich „in diese Art von Satire“ einreihen wie seine früheren Videos „Plötzlich Nazi“ oder auch „Feindbild Politiker: Eine Bürgermeisterin schlägt zurück!“, behauptet übrigens der „Funk“. Die Perspektive eines radikalen Umweltschützers werde satirisch-persiflierend eingenommen und dabei werden auch die Probleme einer solchen Position deutlich, die ja bis zum Ende gedacht zur Selbstabschaffung der Menschen führen müsste. Dass es manchen möglich scheine, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich über den Tod alter Menschen freue, „erschreckt und beunruhigt uns“, so die Produzenten des Videos. Man sei sich auch nicht sicher, ob man nicht von manchen absichtlich missverstanden worden sei. 

In den erwähnten Videos ist allerdings anders als in dem zu „Corona“ keine Selbstpositionierung in dem Sinne „Wir vom BrowserBallet sagen ja“ zu finden, die einen auf die Idee bringen würde, man meine es ernst mit dem Tode der Alten. „Unser Anliegen war eine satirische Einordnung des Virus als vermeintlicher Schutzreflex des Planeten“, erklärte seinerseits das Bohemian Browser Ballett, „im Kern geht es um die Beobachtung der überraschenden Wechselbeziehung zwischen den Konsequenzen der Corona-Pandemie und den Effekten für das Klima“.

Fast verzweifelt fragen die Produzenten am Ende die Zuschauer:  Soll man in und um die Corona-Krise herum wirklich weiter Satire machen? Man brauche ja Humor, um diese Krise zu meistern. 

Sonneborns Umgang mit Corona

Eigentlich hätten die Jungs vom „Funk“ an der Stelle von dem ausgewachsenen Wolf der Satire, Martin Sonneborn (Die PARTEI), lernen können. Zwar meint er nicht, dass der „Funk“ mit seinem Format zu weit gegangen sei, jedoch fehle auch ihm daran der eigentliche Witz.

Übrigens: Sonneborn ist einer, der die Corona-Krise seit Tagen zu ironisieren weiß, ohne dabei irgendwie Shitstorm zu ernten. So meinte er mit Blick auf das Nato-Manöver Defender 2020, „Corona rettet nicht nur die Umwelt, sondern auch den Frieden“ – und forderte die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer unaufdringlich dazu auf, die deutschen Soldaten abzuziehen. Mit Erfolg, denn am Freitag wurde die deutsche Truppenbeteiligung mit rund 2.500 Soldaten vom 16. bis 30. April auf den Übungsplätzen Bergen und Munster in Niedersachsen abgesagt.

Auch wies er vorsorglich darauf hin, dass die Nachrichten über die „aus Versehen“ gelöschten Handydaten des leidgeprüften Verkehrsministers Andi Scheuer in der Berichterstattung über die Corona-Krise verloren gehen – etwas, was mit dem Wortspiel B. Scheuert in der Öffentlichkeit immer gut ankommt.

Weiter machte er sich über den angeblich infizierten Präsidenten Brasiliens Jair Bolsonaro mit Blick auf dessen gemeinsames Essen mit US-Präsident Donald Trump lustig. Bolsonaro hat die Meldung später zwar dementiert, der politische Wert der Botschaft scheint dadurch aber unerschüttert zu bleiben. „Kann ein Virus ein antifaschistischer Kämpfer sein? Müssen wir es am Ende für den Friedensnobelpreis vorschlagen?“, fragte Sonneborn dabei und sammelte ruhig seine verdienten Likes, ohne sich dabei auf den Knochen der Toten zu behaupten.

Die Satire werde immer von einem moralischen Standpunkt aus fabriziert, sagte Sonneborn übrigens mal in einem Interview gegenüber dem Deutschlandfunk Kultur, und zwar von unten nach oben – gegen die, die den Ton angeben würden. Verstehen könnte man die Botschaft wie „Mache dich lieber über die von oben lustig und wenn doch über die von unten, dann nicht über die im Boden“. Damit wäre die Frage des „Funk“ wohl beantwortet. 

* Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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