Der Schlüsseltrend sei die vollständige Umwandlung der Wirtschaft, so der Wissenschaftler, „wie wir sie aus der Zeit der aufstrebenden Globalisierung kennen, auch unter Anwendung militärischer Gewalt. Dies hat nichts mit dem Coronavirus zu tun. Das Coronavirus erlaubt nur, diese Tendenzen zeitweilig aufzuhalten. Wir alle haben uns auf eine globale Umgestaltung der Welt zubewegt. Heute sind wir in die Periode des Zusammenbruchs des bisherigen Systems eingetreten, die zumindest bis Jahresende dauern wird. Die Umgestaltung der wirtschaftlichen Beziehungen und der Umstieg auf national kontrollierte Verfahrens- und Produktionsketten wird noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen. Der Staat wird dabei eine wesentlich bedeutendere Rolle spielen, als es den liberalen Wirtschaftswissenschaftlern vorgeschwebt ist“.

Nikolai Grigorjew von der Marktforschergilde sagt voraus, im dritten Quartal werde die Weltwirtschaft scheitern.

„Sie wird Verluste von einigen Dutzend Prozent hinnehmen müssen. Ich rechne damit, dass im vierten Quartal der Rückgang aufhört. Jedenfalls ist der Hysterie Einhalt zu bieten, sonst richten wir uns zugrunde statt des Virus. Die Lage ist schwierig, man darf sich aber nicht gehen lassen. Es ist wichtig einzusehen, dass Staaten die Krise solidarisch zu bewältigen haben.“

Einer der angesehensten russischen Volkswirte, Michail Deljagin, teilt die Meinung nicht, das Coronavirus hätte die Krise verlangsamt. „Das, was wir momentan beobachten, ist derÜbergang zur globalen Depression. Er kann dieses Jahr und das nächste dazu dauern. Wir gehen in einen Zustand über, welcher der Zwischenkriegszeit am ähnlichsten sieht, den 30er Jahren, als es keinen gemeinsamen Weltmarkt gab. Nun werden diese Märkte sich neu herausbilden.“

EU hat Prüfung durch die Krise nicht bestanden: Chancen der Euroskeptiker

Die Coronavirus-Epidemie kann die Welt bis zur Unkenntlichkeit verändern, pflichtet ihm die renommierte Moskauer Zeitung „Kommersant“ bei. „In erster Linie betrifft das Europa. Die Grundsätze, auf denen die EU gestaltet wurde, haben die Prüfung durch die Krise nicht bestanden. Schon jetzt ist klar, dass die Welt nach dem Abklingen der Coronavirus-Epidemie nimmer die frühere werden kann. Es ist nicht auszuschließen, dass auch das Leben aller Menschen in ‚vor‛ und ‚nach‛ dem Coronavirus zerfallen wird.“

„Besonders auffallende Veränderungen erwarten allem Anschein nach die Europäer“, so das Blatt weiter. „Gerade sie, die an Umwälzungen nicht gewöhnt sind, die den Warenmangel, wie er in der Ex-Sowjetunion bestanden hat, und das Gefühl, überleben zu müssen, nach ihrem Zerfall nicht kennen, werden sich am schwersten mit der neuen Lage abfinden, wenn die bequeme Alltagswelt schnell zu schwinden beginnt.“

Für Viele war es ein Schock, so „Kommersant“, als die Grenzen geschlossen wurden und die Schengen-Zone faktisch aufgehoben wurde, sei es auch nur vorübergehend. „Es stellte sich heraus, dass die edlen Grundsätze, mit denen die EU gegründet wurde und bestanden hat, gleich bei der ersten ernsthaften Krise gescheitert sind. Die Staaten, die als das Bollwerk der europäischen Integration gegolten haben, verbieten Lieferungen von Schutzmasken und Medikamenten in die EU-Partnerländer. Die Italiener klagen darüber, dass die EU-Kommission sich Zeit damit lässt, ihre in Not geratene Wirtschaft zu retten.“

Alle Beschlüsse über Quarantäne, Grenzschließung, Einstellung des Flugverkehrs wurden auf der Ebene der nationalen Regierungen gefasst, betont das Blatt. „Von den Beamten in Brüssel hörte man wenig, wenn überhaupt. Und das letzte, wohl aber ausdrucksvollste Detail, das die ,Solidarität‘ mit den Verbündeten charakterisiert. Laut Medienberichten haben die Vereinigten Staaten versucht, Mitarbeiter der Tübinger Bio-Tech-Firma CureVac, die nahe daran sind, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln, abzuwerben, sie nach Übersee zu locken, damit dieser Impfstoff nur in den USA verwendet wird.“

Natürlich wäre es jetzt verfrüht zu beurteilen, wie das politische System des vereinigten Europas nach der Bewältigung der Coronavirus-Krise aussehen werde, schreibt die Zeitung abschließend, „und inwieweit das Vertrauen in die EU-Integration erschüttert wird und die national orientierten Bewegungen ihre Positionen stärken werden, die für die Festigung der Staatssouveränität auf Kosten der Brüsseler Bürokratie eintreten. Doch sind einige Veränderungen im europäischen Leben bereits vorhanden. Seit geraumer Zeit hört man nichts mehr von Greta Thunberg und von den armen diskriminierten Migranten aus dem Nahen Osten und Afrika.“

Sanktionen gegen Russland – wie lange noch?

Es sei nicht auszuschließen, bemerkt das Blatt, dass es in dieser Hinsicht zu einem Umdenken komme, nachdem die Epidemie abgeklungen sei. Möglicherweise betrifft es auch die Beziehungen zu Russland. Vor dem Hintergrund der globalen Notlage, wo alle in einem Boot sitzen, wirkt der aktuelle Sanktionskrieg zwischen Moskau und Europa unangebracht, ein absurdes Erbe des vergangenen Lebens, das wir alle vor dem Coronavirus geführt haben.“

Experten in Russland mahnen die Behörden an die Notwendigkeit eines ausgewogenen Herangehens, damit einerseits nicht alle erkranken, andererseits aber auch die Wirtschaft nicht endgültig ruiniert wird. Denn eine alte Weisheit besagt, die Heilmittel sollen nicht schlimmer als die Krankheiten sein. Jeder Tag der Quarantäne bringt der Wirtschaft Milliardenverluste. Es wird sogar von billionenschweren Einbußen berichtet. Als ob uns das Virus nicht genug zu schaffen macht, stürzt auch noch der Erdölpreis ab. Einmal könnte das Geld logischerweise einfach ausgehen.

Übrigens gibt es einen Ausweg, und zwar im Bereich der großen Politik, indem man versucht, den Erdölpreis anzuheben. Daran wird aktiv gearbeitet. Man merkt sogar, dass die Vereinigten Staaten von Amerika dabei mitmachen — denn sie leiden auch darunter.

Das, womit wir jetzt konfrontiert sind, ist nicht einmal ein Krieg. Es sei etwas, was die Menschheit so noch nie erlebt habe, behauptet Wladimir Pastuchow vom University College of London. „Die Auswirkungen kann keiner absehen, allerlei Prognosen sind absolut haltlos. Das Ganze kann ziemlich lange dauern. Es sei denn, dass der Sommer einige Korrekturen bringt, also die Natur selbst einige Verbesserungen vornimmt. Es ist eine Art jesuitische Prüfung, denn bei etwa 60 Prozent der Bevölkerung läuft es ohne Symptome ab, während es bei weiteren 20 Prozent nach einer Grippe aussieht. Darüber hinaus lässt sich eine Gruppe ausmachen, der man ganz offenbar unter die Arme greifen muss. Die Menschheit als Population wird überleben. Zunächst aber stellt sich die Frage des Altruismus und der Opferbereitschaft.“

Aus der Form, in der sich dies momentan entwickle, entstehe ein zweites Problem, so der Wissenschaftler. „Betroffen ist eine Vielzahl von Arbeitsplätzen, Klein- und Mittelunternehmen, Handelsketten, Fluggesellschaften. Alle diese Menschen verlieren massenweise ihr Geld, sehen sich entweder entlassen oder zwangsbeurlaubt. Zwar könnte die globale Wirtschaftsrezession alle irgendwie mobilisieren. Doch befinden wir uns erst im Anfangsstadium dieser Krise. Vorläufig begreifen die Menschen nicht, was vorgeht, vorläufig verhalten sie sich traditionell, schimpfen allerorten über die Regierung, vorläufig versuchen die Behörden allerorten, es bei Redensarten und dem Vorschlag bewenden zu lassen, dass alle auf soziale Distanz gehen.“

Laut dem Ökonom wird die Welt nach der Coronavirus-Epidemie nicht wieder die altgewohnten Parameter annehmen. „Es wird zu einem grundlegenden Wandel kommen, sowohl bei den Verhaltensmustern als auch bei den Wirtschaftsstrukturen. Es steht offenbar eine Periode einer ziemlich starken Stagnation bevor, weil die Unsummen, die jetzt in die Wirtschaften der Welt zu investieren sind, nur damit Hunderte nicht Hungers sterben, anschließend jahrzehntelang daraus zurückgeholt werden müssen. Dazu wird man die Produktion und das Gesundheitswesen anders behandeln müssen. Das wird in ein Umdenken der internationalen Beziehungen einmünden, was nicht nur mit negativen, sondern möglicherweise auch mit positiven Wandlungen einhergehen wird. Ich sehe Russland in dieser Reihe als ein durchaus würdiges Mitglied der Weltgemeinschaft.“

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