Mit Massentesten und der Isolierung von Erkrankten soll verhindert werden, dass sich das neue Corona-Virus Sars-Cov-2 und die dadurch ausgelöste Krankheit Covid-19 schnell ausbreiten. Damit soll vermieden werden, dass das öffentliche Leben zum Stillstand gebracht wird. Dieses Vorgehen in der aktuellen Corona-Krise hat sich Berichten zufolge in Südkorea bewährt. Das Bundeinnenministerium will es nun in Deutschland anwenden, wie die gemeinsame Recherchegruppe der Sender WDR, NDR und der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) am Freitag meldet.

Die Gruppe berichtet auf der ARD-Homepage von einem „vertraulichen Strategiepapier aus dem Innenministerium mit dem Titel ‚Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen‘“, das ihnen vorliege. Danach sollen mit einem Szenario „Schnelle Kontrolle“ schlimmere Folgen für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft abgewendet werden. Die verantwortlichen Experten würden als die wichtigste Maßnahme gegen das Virus „das Testen und Isolieren der infizierten Personen“ sehen. Es sollen „sowohl Personen mit Eigenverdacht als auch der gesamte Kreis der Kontaktpersonen von positiv getesteten Personen“ getestet werden, wird aus dem Papier wiedergegeben.

Bisher werden in der Bundesrepublik nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin nur Personen getestet, die Symptome zeigen und Kontakt zu Infizierten hatten beziehungsweise zu einer Risikogruppe gehören. Das Strategiepapier soll ein Worst-Case-Szenario verhindern.

Südkorea als „eindrucksvolles Vorbild“

Dazu müsse die Testkapazität in Deutschland „sehr schnell“ hochgefahren werden, so die Recherchegruppe aus ARD und SZ. Danach sollen die Testkapazitäten bis Ende April schrittweise auf 200.000 Teste am Tag erhöht werden, während sie gegenwärtig bei wöchentlich 300.000 bis 500.000 Coronavirus-Testen liegen würden.

Dem Bericht nach loben die ministeriellen Experten Südkorea als „eindrucksvolles“ Vorbild. Das asiatische Land hatte, anders als China, keine allgemeinen Ausgangssperren verhängt und gezielte Massenteste durchgeführt. In dem Strategiepier würden „innovative Lösungen“ gefordert, so die Rechercheure. Dazu würden Selbstteste durch die Bundesbürger gehören, „zum Beispiel in „Drive-ins“- oder Telefonzellen-Teststationen“ sowie computergestützte Lösungen und das bisher abgelehnte „Location Tracking“ von Mobiltelefonen.

Alle positiv Getesteten sollen dann laut dem Bericht isoliert werden, „zu Hause oder in einer Quarantäne-Anlage“. Diese Verfahren können „relativ kostengünstig über mehrere Jahre hinaus die wahrscheinlich immer wieder aufflackernden kleinen Ausbrüche sofort eindämmen“, wird aus dem Strategiepapier zitiert.

„Ernst der Lage“ soll vermittelt werden

Bundesinnenminister Horst Seehofer soll das Dokument am 18. März bei der Grundsatzabteilung des Innenministeriums in Auftrag gegeben. Es soll „binnen weniger Tage mithilfe des RKI und weiterer Fachleute, unter anderem von ausländischen Universitäten“ entstanden sein und Bundeskanzlerin Angela Merkel, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Gesundheitsminister Jens Spahn vorliegen.

Laut dem Bericht der Recherchegruppe wird in dem Ministeriumspapier gefordert, „die Menschen noch stärker als bisher vom Ernst der Lage zu überzeugen und mit verbreiteten Fehlvorstellungen aufzuräumen. Zum Irrglauben gehöre es etwa, dass das Virus nur die Alten treffe oder für Kinder harmlos sei.“ Eine „deutschlandweite und transparente Aufklärungs- und Mobilisierungskampagne“ solle auf mögliche katastrophale Folgen aufmerksam machen.

Das werde mit Zahlen wie „deutlich höheren Todesraten und Schwerkranken“ begründet, die auch den Zahlen aus dem RKI widersprechen würden. Das Institut gehe von einer Sterberate in Deutschland von 0,56 Prozent der Coronavirus-Infizierten aus, das Innenministerium dagegen von 1,2 Prozent. Deshalb würde das Strategiepapier „alle Deutschen auf das gemeinsame Ziel einschwören“ wollen: ein Worst-Case-Szenario mit vielen Toten sowie massiven Folgen für die Wirtschaft und die Gesellschaft zu verhindern.“ Dieser mögliche schlimmste Fall dürfe nicht verschwiegen werden, heißt es.

Nach Ostern tanzen?

In dem Bericht über das Papier heißt es weiter, dieses nenne als positivstes Szenario die Variante „Hammer and Dance“. Danach würde das Virus zunächst mit Ausgangsbeschränkungen und Schulschließungen eingedämmt wird. Diese „Hammer“-Phase könnte die Fallzahlen binnen sechs Wochen deutlich senken, ist zu lesen. Danach, gegen Ende der bundesdeutschen Osterferien, würde die „Tanz-Phase“ beginnen, in der die Kindergärten und Schulen wieder öffnen. Die Infektion solle dann durch intensives Testen, Nachverfolgung von Kontakten und Isolation kontrolliert werden.

Das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben kehre dann „weitgehend zurück zur Normalität“, wird aus dem Strategie-Papier zitiert. Ohne das vorgeschlagene umfangreiche Testprogramm wäre es möglich, dass die Krise sich in Wellen wiederhole oder Ausgangsbeschränkungen über Monate notwendig seien, so der Bericht der Recherche-Gruppe.

tg

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