Chinas Städte finden allmählich ins normale Leben zurück. Straßen, Läden und Cafés füllen sich wieder mit Menschen, aber eine endgültige Entwarnung bleibt noch aus. In den vergangenen 24 Stunden sind in China 108 neue Corona-Fälle festgestellt worden. Das Staatskomitee für Gesundheitsschutz habe „von 31 Provinzen“ Informationen „über 82.160 bestätigte Ansteckungsfälle“ erhalten; „1.156 Menschen sind derzeit weiter erkrankt (121 von ihnen schwer), 77.663 Menschen sind aus den Krankenhäusern entlassen worden, 3.341 Menschen sind gestorben“, heißt es offiziell.

Am 26. Februar war China führend bei der Zahl der Corona-Infizierten: rund 80.000 Menschen. Jetzt halten die Vereinigten Staaten den Negativrekord: eine halbe Million Menschen, gezählt am 12. April. Präsident Trump hat zwar in allen Bundesstaaten den Notstand ausgerufen, wird aber offensichtlich nicht Herr der Lage. Kritiker werfen ihm vor, zu langsam und inkompetent reagiert zu haben. Wie es hätte besser gehen können, zeigt derweil der Erzrivale China.

Patient werden: unbezahlbar

Mobilmachung von Ärzten und Pflegern zur Unterstützung der Kollegen in den Hotspots, rasche Errichtung provisorischer Krankenhäuser, massenhafte Tests – das sind Chinas wertvollste Erfahrungen im Umgang mit der Corona-Infektion. Einen weiteren, wohl den wichtigsten Faktor gibt es aber noch – einen für die USA unvorstellbaren: kostenlose medizinische Versorgung der allermeisten COVID-19-Patienten.

In den USA zahlt die Krankenversicherung den COVID-19-Test nur bei positivem Befund. Die Kosten anschließender Behandlungen trägt der Versicherte komplett selbst. Okay, 80 Prozent der Behandlungskosten übernimmt die KV – allerdings erst nachträglich: Der Patient muss die komplette Summe zunächst auslegen und sich dann um die Rückerstattung kümmern.

Wer in den USA unter dem Existenzminimum lebt, kann in Krankheitsfällen nur mit einer staatlichen Grundhilfe rechnen. Und: Zehn Prozent der Amerikaner sind überhaupt nicht krankenversichert. Die Kosten von Tests und Behandlungen bei COVID-19-Ansteckungen gehen indes in die Abertausenden Dollar.

Die Aussicht auf untragbare Verschuldung wegen Krankheit ist für viele Amerikaner häufig schlimmer als die Krankheit selbst. Deshalb gehen viele mögliche Virusträger gar nicht erst zum Arzt. Diese Dynamik hätte auch in China einsetzen können, denn auch der chinesische Staat übernimmt nicht alle Krankheitskosten seiner eineinhalb Milliarden Bürger.

Laut Gesetz steht jedem Bürger in China eine medizinische Grundversorgung zu, deren Kosten der Arbeitgeber übernimmt. Wer Extraleistungen möchte, muss sich zusätzlich privatversichern. Genaue Zahlen liegen dazu nicht vor, aber der Staat fördert die Entwicklung dieses Systems.

Erst die Heilung – dann das Geld

Nach offiziellen Angaben der chinesischen Gesundheitsbehörde kostet die Behandlung eines Coronavirus-Patienten im Durchschnitt umgerechnet rund 2.800 Euro. Die Genesung eines Schwerkranken erfordert umgerechnet an die 19.500 Euro. Die Schwerstkranken – die sind laut der Gesundheitsbehörde eine absolute Ausnahme – benötigen eine Behandlung, die über 150.000 Euro kosten kann. Bis zum 6. April hat der chinesische Staat für die Behandlung aller Coronavirus-Infizierten in den 31 Provinzen umgerechnet 195 Millionen Euro ausgegeben, wie die Gesundheitsbehörde bekanntgibt. Die Angaben sind allerdings noch nicht abschließend.

Was die chinesische Öffentlichkeit jedoch viel mehr beunruhigte und bewegte, war die Frage danach, wer die Kosten im Einzelnen trägt. Im Januar hatten die staatlichen Stellen erklärt, die Versorgung aller COVID-19-Patienten werde kostenfrei erfolgen.

Das Gesundheitsministerium der Provinz Hubei (dort liegt die Stadt Wuhan) erklärt eigens, alle Behandlungskosten würden als Rückerstattung von den Krankenkassen und staatlichen Stellen übernommen. „Alle am Coronavirus erkrankten Patienten erhalten Auszahlungen“, versicherte ein Sprecher der Gesundheitsschutzbehörde. Dabei soll der Arbeitgeberbeitrag zur Krankenversicherung der Arbeitnehmer schrittweise steuerlich entlastet werden.

In der Praxis stießen Patienten jedoch hier und da an bürokratische Hürden. Eine Frau aus Wuhan sagte Journalisten, ihrem Ehemann sei in einem Krankenhaus zunächst die Behandlung verweigert worden, weil er keine Krankenversicherung gehabt habe. Erst nach Stunden habe man klären können, dass ein Ausweis genüge. Wer keine Behandlung im Krankenhaus benötigte, kurierte die Lungenkrankheit unter Quarantäne aus. Die Medikamente mussten solche Patienten selbst bezahlen, aber die Behörden haben auch hierbei Erstattungen zugesichert.

Die Pandemie hat Unzulänglichkeiten im chinesischen Gesundheitssystem aufgedeckt, auch im Bereich der Versorgungsinfrastruktur. Die Zentralregierung hat den Provinzen bereits Zusatzhilfen zur Verbesserung des Gesundheitsschutzes zugesagt. Die chinesische Staatsbank erlässt Spezialbonds im Wert von umgerechnet 1,8 Milliarden Euro mit einer Laufzeit von einem Jahr. Auch Direktkredite vergibt die Bank: im Januar etwa umgerechnet 259 Millionen Euro an die Stadt Wuhan.

Kurzum: Erst Heilen, dann die Versicherungs- und Finanzierungsfeinheiten klären – dieser Grundsatz der chinesischen Regierung hat sich auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie offensichtlich bewährt.

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