Auf einmal fehlte an dem Abend die sonst übliche Abstimmung zwischen den beiden TV-Riesen – „Maybritt Illner“ ging schon los, als „Anne Will“ noch voll im Gange war, und warb damit wohl ungewollt einen Teil des ARD-Publikums ab: Immerhin wartete das ZDF mit den Großkalibern wie Olaf Scholz und Armin Laschet auf. Markus Söder war allerdings auf beiden Sendern präsent – wenn auch jeweils nur per Fernschaltung aus München.

Um das „Vorpreschen“ des bayerischen Ministerpräsidenten mit dessen bereits am Freitag beschlossenen radikalen Anti-Virus-Maßnahmen – Stichwort „Ausgehverbot“ – ging es in beiden Sendungen. Dem Vernehmen nach hatte Söder einige Stunden zuvor während der Fernsprech-Konferenz der Regierungschefs der Bundesländer mit Kanzlerin Angela Merkel für Unmut einiger seiner Amtskollegen gesorgt, weil er wohl mit seinen eigenwilligen und mit niemandem abgestimmten Schritten, so Anne Will, „als der härteste Corona-Bekämpfer wahrgenommen werden“ wollte. Söder wies diese Mutmaßung vehement zurück: Bayern musste schneller und wirksamer als die anderen reagieren, weil der Freistaat wegen der Nähe zu Österreich und Italien „stärker betroffen“ sei.

Söder vs. Laschet: Wollen die Deutschen eine „feste Hand“?

Laschet soll bei der Beratung mit Merkel Söders Beschlüsse besonders „laut“ kritisiert haben. Im Grunde ging es aber mehr um Terminologie: Bayerns Chef setzte sich für „Ausgangseinschränkungen“ ein, während der NRW-Regierungschef für „Kontaktverbote“ plädierte. Zwischen der Linie Laschets und der Söders „gibt es vor allem Unterschiede in der psychologischen Bewertung und in der Semantik“, so die „Frankfurter Allgemeine“.

Konkret ging es anscheinend – vor allem dem NRW-Ministerpräsidenten – darum, inwieweit man in den jetzigen Zeiten zu Einschränkungen der demokratischen Grundrechte greifen darf. Und inwieweit „die feste Hand“ an der Staatsspitze heutzutage bei der Wählerschaft gefragt ist.

„Es lag ein Hauch von Fernduell um die Kanzlerkandidatur der Union über den beiden Talks – absurd angesichts der Lage, aber so war es“, resümierte „Der Spiegel“. 

Immerhin wollte Laschet im Vergleich zu Söder nicht wie ein Zauderer wirken und manifestierte seine Härte im Aufruf, „die wenigen Unvernünftigen“, die die neuesten Verhaltenseinschränkungen nicht einhalten wollen,  exemplarisch zu bestrafen. Sie müssten „Sanktionen spüren“, und diese Sanktionen müssten „öffentlich“ vollstreckt werden. Von Prügelstrafen war zwar noch nicht die Rede, aber immerhin von Geldstrafen „bis zu 25.000 Euro“.

Es bleibt nun abzuwarten, bis Friedrich Merz seine Corona-Quarantäne beendet und sich dem „Fernduell“ anschließt, das dadurch bestimmt noch spannender wird.

18 Monate Isolation?

Bernadett Erdmann, Chefärztin der Zentralen Notaufnahme des Klinikums Wolfsburg, sorgte bei Anne Will für äußerst besorgte Noten, so dass der Titel der Sendung „Gewinnen wir den Kampf gegen den Corona-Virus?“ auf einmal massive Zweifel an einer positiven Antwort hervorrief. Laut Erdmanns Ausführungen herrschten nicht nur in ihrer Klinik nahezu italienische Umstände: Es mangelt an Schutzbekleidung, Intensivbetten, Beatmungsgeräten, vor allem aber an Personal. Sie sprach von einem „Kollaps“, der angesichts der unentwegt wachsenden Infektionszahlen unweigerlich eintreten werde.  Die nun von der Regierung beschlossenen Regeln würden zu spät kommen.

Der eher gemütlich und entspannt wirkende Helge Braun, Chef des Bundeskanzleramtes, war sichtlich um eine Besänftigung der Stimmung bemüht: Die Regierung und speziell Gesundheitsminister Jens Spahn unternehmen alles nur Mögliche, viele Engpässe seien schon beseitigt.

Besänftigend reagierte Braun auch, als es in der Anne-Will-Sendung darum ging, der jetzige Ausnahmezustand könnte „18 Monate bis zwei Jahre“ dauern, bis die akute Phase der Krise vorbei ist. Solche Expertenschätzungen beziehen sich auf Langzeitwirkungen. Die beschlossenen Restriktionen würden Schritt für Schritt gelockert, von einer derart langen Periode von Isolation und Verlusten könne keine Rede sein.

Ein bei  diesem Thema neuer Akteur der politischen Talkshows, Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, trat bei Anne Will gleich wie ein versierter Politiker mit der Initiative auf, die Regierung soll „ein interdisziplinäres Gremium einzurichten“, dem die besten Köpfe der Republik aus allen relevanten Bereichen gehören würden, die „die Themen vorausdenken“ würden. Immerhin sei die Corona-Pandemie nicht bloß eine medizinische Krise, sie habe auch „viele andere gesellschaftliche Wechselwirkungen“. Daraus wäre wohl zu schließen, dass Herr Fiedler in der jetzigen Zusammensetzung des Kabinetts solche Köpfe vermisst.

* Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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