Die Akademie der Künste richtet ein „Roger-Melis-Archiv“ ein. Der Fotograf wäre am heutigen Dienstag 80 Jahre alt geworden, gilt als Mitbegründer und Förderer der ostdeutschen Autorenfotografie. Bereits in den 1960er Jahren etablierte sich Roger Melis (1940-2009) in Ost wie West als einfühlsamer Porträtist von Dichtern und Künstlern und gehörte zu den bekanntesten Reportage- und Modefotografen der DDR. Als freiberuflicher Bildreporter und in seiner Straßenfotografie erwies sich Melis als Wegbereiter und „Meister des ostdeutschen Fotorealismus“, heißt es zu den Beweggründen der Etablierung des Werkarchivs in Berlin.

Chronist der DDR

In atmosphärisch dichten, oft symbolhaften Fotografien dokumentierte Melis als „Chronist der DDR“ das Leben in Stadt und Land und schuf mit seinen Porträts von Menschen an ihrem Arbeitsplatz einen fotografischen Querschnitt durch nahezu alle Schichten der berufstätigen Bevölkerung.

Melis war der Sohn des Bildhauers Fritz Melis. Er wuchs im Haushalt seines Stiefvaters, des Dichters Peter Huchel, zunächst im Berliner Westen und ab 1952 in Wilhelmshorst bei Potsdam auf. Er absolvierte eine Lehre als Fotograf, fuhr anschließend ein halbes Jahr als Schiffsjunge zur See und ging als wissenschaftlicher Fotograf an die Berliner Charité. Für ein schließlich nicht realisiertes Buchprojekt über das geteilte Deutschland entstanden 1962 erste Porträts von Dichtern und Künstlern in Ost und West. Ab 1968 macht er erste Modefotografien für die Zeitschrift „Sibylle“, gründete er 1969 zusammen mit Arno Fischer und Sibylle Bergemann die Fotogruppe „Direkt“.

Paris zu Fuß

Ab 1981 durfte Melis wegen seiner Zusammenarbeit mit Dissidenten und insbesondere wegen eines Projekts für die Zeitschrift „Geo“ nicht mehr für die DDR-Presse arbeiten. Er konzentrierte sich auf Buch- und Ausstellungsprojekte: Im Frühjahr 1982 wurde Melis ein vierwöchiger „Studienaufenthalt“ in Paris gewährt. Sein vier Jahre später erscheinendes Fotobuch „Paris zu Fuß“ war der erste Bildband eines ostdeutschen Fotografen, der allein mit den Mitteln der Straßenfotografie vom Leben in einer fremden Stadt erzählte – es erschien in einer Auflage von 40.000 und wurde zu einem der erfolgreichsten Fotobücher in der DDR.

Archivieren und aufarbeiten

Die Akademie, heißt es, werde schrittweise den künstlerischen Nachlass übernehmen, dazu gehören etwa eigene Fotoabzüge, Negative, Korrespondenzen und Kalender. Die Materialien würden die Erschließung und Datierung seiner Arbeiten erlauben, beleuchteten entstehungsgeschichtliche Hintergründe und ermöglichten zugleich Einsicht in den künstlerischen und dokumentarischen Schaffensprozess. Außerdem gäben sie exemplarisch Aufschluss über die sozialgeschichtlichen Bedingungen der Arbeit eines freiberuflichen Fotografen in der DDR. Die Aufarbeitung des Werkes soll in den Händen des Ziehsohnes und Nachlassverwalters Matthias Bertram verbleiben.

Christa Wolf und Wolf Biermann, Heiner Müller und Sarah Kirsch  

In einem ersten Schritt geht ein Konvolut an Künstler- und Autorenporträts an die Kunstsammlung. Dabei handele es sich um rund 900 Fotografien, mit Porträts von mehr als 500 Schriftstellern, Grafikern, Malern, Bildhauern, Fotografen und darstellenden Künstlern aus fünf Jahrzehnten, heißt es. Darunter seien umfangreiche Porträtserien von Peter Huchel, Franz Fühmann, Heiner Müller, Volker Braun, Christa Wolf, Wolf Biermann, Sarah Kirsch, Rainer Kirsch und Thomas Brasch, die von Melis in unterschiedlichen Phasen ihres Leben aufgenommen wurden.

Im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie zeigt die Berliner Galerie „argus fotokunst“ noch bis 31. Oktober die Ausstellung „Paris zu Fuß“.

ba

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