Der Goldpreis stand vor der Corona-Krise im Februar zwischenzeitlich bei über 1600 US-Dollar je Feinunze. Aktuell wird das Edelmetall bei etwa 1469 Dollar je Unze gehandelt.

„Gold ist zwar in der aktuellen Krise im Preis zurückgegangen“, stellte Goldmarkt- und Rohstoff-Analytiker Martin Siegel, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft „Stabilitas Fonds“, im Sputnik-Interview klar. „Aber dennoch hat Gold auch gezeigt, dass es eine Krisenwährung ist und in einer Krise gut bestehen kann. Die Preise von Aktien sind beispielsweise viel stärker gefallen als das Edelmetall. Man hat die Kaufkraft ganz gut erhalten können und man muss auch sehen, dass der Goldpreis im Vorjahr deutlich gestiegen ist. Daher verkaufen viele Anleger ihr Gold aktuell immer noch mit Gewinn.“

Davor, dass das neuartige Coronavirus die „Blase“ im Weltfinanzsystem anstechen könnte, hatte Goldmarkt-Analytiker und Buchautor Dimitri Speck bereits Ende Februar in einem Sputnik-Interview gewarnt. Nun habe sich diese Zukunftsprognose bewahrheitet.

„Wir befinden uns in der ‚Blase‘ eines völlig überschuldeten Finanzsystems – und diese ‚Blase‘ hat das Virus jetzt ganz klar angestochen“, erklärte er im aktuellen Gespräch. „Das hat die Probleme nur verstärkt für die Weltwirtschaft. Hier kommt einiges zusammen, was letztlich positiv für den Goldpreis ist.“

Goldhändler in Deutschland: Mittlerweile geschlossen

Momentan erleben „deutsche Goldhändler einen Ansturm auf Münzen und Barren“, meldete die „FAZ“ am Sonntag. „Privatanleger kaufen wie verrückt und wegen der Corona-Krise fehlt der Nachschub. Während der Finanzkrise 2008 sowie in der Euro-Krise 2015 sind Anleger schon massenhaft ins Gold geflüchtet. Aber was sich momentan auf dem Edelmetallmarkt abspielt, stellt das Dagewesene in den Schatten.“ Deswegen machen bereits viele „Edelmetall-Shops dicht: Gold-Kauf kaum noch möglich“, ergänzte „n-tv“ am vergangenen Freitag.

„Die Händler werden von den Kunden überrannt“, erläuterte Gold-Kenner Siegel gegenüber Sputnik. „Dieses Phänomen hatten wir 2008 auch.“ Doch dieses Problem werde gelöst, sobald die Lieferketten auch beim Gold wieder anlaufen. Dies sei bereits in wenigen Wochen der Fall, so seine Prognose. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Goldhandel wieder in geregelten Bahnen abläuft.“ Auch viele Privatleute würden jetzt in der Krise ihr Gold mit Gewinn verkaufen. Das stehe dann wiederum dem Markt und anderen Gold-Käufern zur Verfügung. „Hier zeigt sich wieder, dass sich Gold bewährt.“

Schweizer Gold-Raffinerien stehen still – Südafrika kann kaum liefern

Bereits seit dem 25. März stehen die Gold-Raffinerien in der Schweiz still und auch Goldlieferanten aus Südafrika melden seitdem „unterbrochene Lieferketten“, so Finanzmedien. Auch die indischen Gold-Käufe sollten kurzfristig zurückgehen, da Indien zur Eindämmung der Virus-Verbreitung praktisch unter nationale Quarantäne gestellt wurde, berichtet die Commerzbank in einer aktuellen Analyse: „Der indische Goldschmucksektor erwartet, dass dies die Nachfrage im Jahresvergleich um 30 Prozent nach unten drücken wird.“

Weltweit haben die „Raffinerien ihre Produktion eingestellt“, schilderte der Gold-Experte aus NRW. „Wir haben in den Versorgungswegen Probleme, weil Flugzeuge nicht mehr starten und landen dürfen. Diese Probleme sollten in wenigen Wochen aufgehoben sein. Wir haben von Investoren derzeit eine riesige Nachfrage nach physischem Gold. Es bleibt noch offen, ob dieses physische Gold in den nächsten Wochen und Monaten ausgeliefert werden kann.“

Manipulation am Goldmarkt?

Es drohe ein Szenario, nach dem es zu einem „gespaltenen Goldmarkt“ kommen könnte, warnte Siegel. Das bedeute für Goldkunden: „Sie können dann Gold auf Papier kaufen. Offiziell sind Sie dann Goldbesitzer, werden aber nicht in den Genuss kommen, das Gold anfassen zu dürfen. Wenn Sie das Edelmetall physisch haben möchten, müssten Sie aktuell etwa zehn Prozent Aufpreis bezahlen. Im Zuge dessen gäbe es dann viel Enttäuschungen. Vielen Kunden vertrauen dem Papiergold irgendwann nicht mehr und wollen dann physische Auslieferungen haben. Das wäre dann aber nicht mehr möglich. Da wäre die Frage, wie der Staat dann eingreift, um diese Probleme zu beheben. Darüber können wir aktuell nur spekulieren.“

Edelmetall-Insider Speck vermutet sogar Manipulationen am Goldpreis in der aktuellen Krise:

„Gold ist ein krisenfestes Anlagemetall, deswegen ist es am Anfang der Krise bis in den März hinein auf fast 1700 US-Dollar je Feinunze gestiegen. Dann kam Gold unter Druck – wie ich vermute durch Kursmanipulationen. Es wird oft behauptet, der Goldpreis sei in der Krise unter Druck geraten, weil Liquiditätsbeschaffung nötig ist. Wenn wir uns aber die physische Nachfrage nach Gold anschauen, war diese weiterhin sehr, sehr hoch. Die Münzhändler sind komplett ausverkauft mittlerweile. Auch bei den Gold-ETFs ist ein normales Hin und Her zu beobachten. Es gibt also sehr viele Hinweise dafür, dass es sich hierbei um Kursmanipulationen bei Gold handelte, um den Preis zu drücken. Mit dem Ziel, die Finanzmärkte zu stabilisieren. Die Aktien waren im freien Fall und auch Risikoanleihen sind stark gefallen. Das ist eine übliche Vorgehensweise von staatsnahen US-amerikanischen Instituten, um die Finanzmärkte zu beruhigen.“

Milliardenschwere Rettungspakete: Ist Inflation der „Preis“?

In der Corona-Krise haben die Regierungen der Staaten milliardenschwere Rettungspakete für die jeweilige heimische Wirtschaft geschnürt. Darunter die Bundesregierung mit insgesamt etwa 750 Milliarden Euro in Form von Soforthilfen und günstigen Krediten, die Unternehmen beantragen können. Die mittlerweile von der Corona-Epidemie stark getroffenen USA beschließen mit zwei Billionen US-Dollar – das sind 2.000 Milliarden Dollar – das größte Rettungspaket in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Experten warnen bereits, bald fließe nur noch mehr Geld in die ohnehin schon aufgeblähten Märkte, was zu Inflation führen könnte. Das bedeutet dann Geldwertverlust und Verlust von Kaufkraft.

„Im Schatten dieser Corona-Krise werden (von der Politik, Anm. d. Red.) Rettungspakete geschnürt, Banken gerettet, Unternehmen verstaatlicht“, sagte Siegel. „Die Aktienmärkte stabilisieren sich bereits wieder. Mit noch mehr Geld werden die Fehler der Vergangenheit zugeschüttet und übertüncht. Ich gehe davon aus, dass wir wie 2008 erneut eine Stabilisierung unseres eigentlich völlig bankrotten Finanzsystems bekommen werden. Jedenfalls vorübergehend. Ob diese dann wieder zwölf Jahre anhält, möchte ich bezweifeln. In diesem Zuge werden alle Assets wieder teurer: Die Immobilienpreise werden steigen, die Aktienpreise werden steigen und der Goldpreis wird auch steigen. Einfach, weil das Geld immer weniger wert wird. Das wird langfristig zu viel größeren Verwerfungen und Problemen führen als in der Phase nach 2008. Es wird Richtung Inflation gehen, befürchte ich. Alle Sparer und Rentenbezieher werden am Ende dafür bezahlen.“

Um den 20. März herum hatte sich „bei den Staaten und Zentralbanken die Auffassung durchgesetzt, dass mit sehr, sehr viel Geld gegen die Coronakrise angekämpft werden muss“, ergänzte Edelmetall-Experte Speck. „Das ist grundsätzlich nicht verkehrt, ist aber in einem überschuldeten Finanzsystem, in dem wir uns gegenwärtig befinden, sehr problematisch. Seitdem steigt Gold wieder, weil mehr oder minder deutlich wird, dass hier sehr viel Geld geschaffen wird und sehr hohe Defizite bei den Staaten gefahren werden, was natürlich eine Inflation bedeuten kann.“

„Goldmarkt erholt sich bereits wieder“

Die allgemeine Ausverkaufsstimmung an den Edelmetallmärkten sei zum jetzigen Zeitpunkt „bereits schon wieder überwunden“, zeigte sich Gold-Fachmann Siegel überzeugt. „In viele Finanzbereiche fließt aktuell wieder enormes Geld zurück. Wir haben Branchen, die in der Krise keine Umsätze gemacht haben. Darunter Fluggesellschaften oder Reise- und Tourismusanbieter. Wir haben bereits durch die enorme Liquidität (der staatlichen Rettungspakete, Anm. d. Red.), die jetzt bereitgestellt wird, eine Stabilisierung der Märkte gesehen.“ Die strukturellen Probleme für die Weltfinanzwirtschaft seien damit aber keinesfalls gelöst.

Sein Fazit, das er bereits nach der Finanzkrise 2008 formuliert hatte:

„Nach der Finanzkrise 1 ist vor der Finanzkrise 2. Wenn wir diese Finanzkrise überwinden, haben wir bald Finanzkrise 3. Weil natürlich das Grundproblem unseres Weltwährungssystems noch nicht gelöst ist.“

„Bundesregierung hat zu spät reagiert“

„Die deutsche Bundesregierung hat in der Corona-Krise im Vergleich zu Ländern wie Singapur, Taiwan oder Südkorea sehr spät reagiert“, sagte Speck. „In diesen Ländern erfolgte kein genereller Shutdown der Wirtschaft, sondern dort hat man konsequent mit Einreise-Restriktionen reagiert und Infizierten-Fälle konsequent isoliert. Das sind starke Versäumnisse der deutschen und europäischen Politik, aber auch der Fachleute.“

Dies könne das Todesurteil für ein „bereits überschuldetes Finanzsystem, das am Anschlag ist“ bedeuten. „Dass es am Anschlag ist, kann man beispielsweise an den Null-Zinsen sehen, die es so historisch noch nie gab. Die Maßnahmen gegen das Virus könnten verheerend für das Finanzsystem werden. Mit einer starken Inflation rechne ich schon die kommenden Monate und Jahre.“ Ebenso drohe eine weltweite Rezession, die „sich davor doch schon abgezeichnet hat.“

Specks Fazit:

„Wenn Staaten wie Deutschland effizient handeln würden, könnte man die Wirtschaft schon in drei bis vier Wochen wieder hochfahren. Das sieht man an Südkorea. Das kann man managen – ohne, dass die Covid-19-Fälle explodieren. Man müsste das nur konsequent umsetzen.“

Gold und Silber: Experten-Tipps für Anleger

Zum Abschluss rieten beide Edelmetall-Experten Anlegern dazu, in der jetzigen Krise neben Gold vor allem auf Silber zu setzen. „Silber ist völlig vernachlässigt worden in den letzten Monaten, wird aber von den Kleinanlegern genauso gekauft wie Gold“, erklärte Siegel. „Ich erwarte, dass der Silberpreis in den nächsten Monaten und Jahren deutlich aufholen wird.“

Sein Tipp zur Krise: „Immer das eigene Kapital verteilen auf Gold, Silber und Aktien. Nach Möglichkeit auch geografisch verteilen.“ Auch gesunde Fonds seien für Anleger jetzt eine gute Alternative.

„Bei Silber stehen wir vor einem Stillstand bei der physischen Nachfrage“, nannte Speck einen weiteren Fakt. „Die Silber-Nachfrage ist sehr stark zurückgegangen, weil die Industrie (wie die Schmuckindustrie in Indien, Anm. d. Red.) einfach im Moment kein Silber nachfragt. Deswegen ist dieses Edelmetall auch besonders stark gefallen.“ Der aktuelle Verlust von Silber in Relation zu Gold ist laut ihm „historisch so noch nie“ dagewesen. Silber dürfte nach der Krise deutlich steigen. „Ich sehe bei beiden Metallen Silber und Gold ein großes Potenzial nach oben. Ich sehe es bei Silber sogar noch stärker als bei Gold.“

Anlegern rate er dazu, „das Metall zu halten. Im Moment haben wir leider Aufpreise bei physischen Edelmetallen. Man kann aber auch ein wenig warten, bis sich die Krise langsam legt.“

Das Radio-Interview mit Goldmarkt-Experte Dimitri Speck zum Nachhören:

Das Radio-Interview mit Goldmarkt-Experte Martin Siegel zum Nachhören:

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