Zu Beginn der Sendung am Donnerstagabend wurde allerdings das momentan brisantere Thema „Corona-Krise“ abgehakt. Da verlief die Diskussion zwischen dem aus Erfurt zugeschalteten Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow und der Münchener Virologin Ulrike Protzer alles andere als dramatisch. Der Standpunkt des Linke-Politikers lautete nämlich: Die Infizierten sollen nicht stigmatisiert werden, den Menschen soll man keine Angst machen. „Wir haben momentan 52 Infizierte in Thüringen bei 2,1 Millionen Einwohnern. Wir müssen das Thema mal einordnen, damit wir nicht ständig über Angstbilder reden. Angst ist ein ganz schlechter Ratgeber.“

„Ich neige nicht dazu, dass wir Angst und Sorge verbreiten sollten“, beschwichtigte Ramelow mehr als einmal. „Wir müssen mit der Normalität und der Aggressivität dieses Virus leben. Das ist aber ein Lebensrisiko, das wir haben, wenn wir Auto fahren.“ Auch für die baldige Schulöffnung habe Thüringen eine „trainierte Strategie“ parat und gehe deshalb von einem „geregelten Normalbetrieb“ aus.

„Mensch als Geschöpf Gottes“

Ab der 23. Minute der Sendung ging es dann um „Mensch als Geschöpf Gottes“. Diesen pathetischen Begriff gebrauchte Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, als es um den Einsatz des von der Kirche mitfinanzierten Schiffes „Sea Watch 4“ zur Seerettung von Flüchtlingen vor der europäischen Mittelmeerküste ging. Dieses „Geschöpf Gottes“ müsse nämlich gerettet werden, alles andere sei sekundär, behauptete der Kirchenmann. „Man kann nicht statt der Rettung eine Diskussion führen“, wer denn für die Rettung zuständig sei.

Friedrich Merz, einer der Kandidaten für den Vorsitz der CDU, ging viel pragmatischer an dieses Thema heran. „Die Seenotrettung ist eine staatliche Aufgabe“ – diesen Satz wiederholte er mehrmals. Die private Anschaffung des „Sea Watch“-Schiffes sei „alles andere als unumstritten“ gewesen, weil damit zusätzliche Fluchtbewegungen ausgelöst und die Schlepper-Organisationen wieder angezogen werden könnten. Und außerdem: Wenn schon, dann müsse nicht Deutschland alleine, sondern die ganze Europäische Union sich diese Aufgabe aufbürden.

„Wo kommen diese Flüchtlinge her?“

Unterbrochen wurde die Diskussion zwischen dem geistlichen Würdenträger und dem potentiellen Kanzlerkandidaten durch eine Reportage aus dem Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos mit Dunja Hayali in ihrer Paraderolle als Gutmensch. „Ein Kinderlächeln mitten im Elend“, seufzte die Moderatorin schon in der Anfangssequenz ihres Beitrags  (das erste Bild der Reportage: Dunja Hayali hockt vor einem lächelnden Flüchtlingskind), in dem sie die unerträglichen Bedingungen schilderte, unter welchen die Flüchtlinge im hoffnungslos überfüllten Camp vegetieren. Es war und bleibt nun mal ein „Markenzeichen“ der Talk-Staffel der TV-Journalistin und der Hauptunterschied zu den Polit-Talkshows ihrer Kolleginnen, die immer schön gemütlich im komfortablen Studio im Kreis von Promis herumsitzen: Hayali ist halt immer vor Ort, wo die Menschen leiden und wo sie ihren traurigen und emphatischen Blick filmen lassen kann.

Merz sprach zwar der Moderatorin seinen Respekt für die Reise nach Lesbos aus, wollte aber nicht über die Horror-Bilder aus dem Camp sprechen, sondern „den gesamten Komplex des Problems wiederherstellen“, unter anderem mit der Frage: „Wo kommen diese Flüchtlinge her?“

Diese Frage stellte er nun mal sich selbst, um den Zuschauern die übliche alte Propaganda-Leier zu erzählen: „Die russische Armee bombardiert in Syrien seit Monaten Krankenhäuser, Kindergärten, Altenheime und Wohngebiete unter der Überschrift ‚Terrorismusbekämpfung‘.“

Weder die Moderatorin, noch der Kirchenmann ließen aber die Diskussion in diese Richtung laufen. Die Moderatorin wiederholte die Frage: „Muss dieses Camp aufgelöst werden?“ Merz erwiderte: „Ich finde diese Bilder furchtbar. Es ist eine Schande für Europa, dass es uns nicht gelingt, eine gemeinsame Antwort darauf zu geben.“ Bedford-Strohm entgegnete: „Wir können nicht warten, bis alle Staaten des sich christlich nennenden Europas dahinterstehen.“ Der Politiker darauf: Deutschland habe seit 2015 mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen und habe sich da nichts vorzuwerfen.  Eine konkrete Antwort von Merz auf die gestellte Frage blieb insofern aus.

„Hier offenbart sich ein tiefsitzender Rassismus“

Anscheinend nervte das in der Diskussion mehrfach gefallene Wort „christlich“ und die gesamte „Gutmensch“-Rhetorik den pragmatischen CDU-Politiker langsam dermaßen stark, dass er sich schließlich zu ein paar Äußerungen verleiten ließ, die seinen „alternativen“ Blick auf „Gottes Geschöpf Mensch“ offen legten.

Merz: „Zwei junge Lehrerinnen kommen zu mir und erzählen: ‚Wir kriegen das Problem mit Kindern aus muslimischen Familien nicht mehr gelöst: völlig disziplinlos, nicht bereit, sich in den Unterricht unterzuordnen, völlig respektlos gegenüber weiblichen Lehrern.‘“

Der Kommentar des CDU-Politikers dazu: „Sollen wir dieses Problem weiter eskalieren lassen? (…) Da kommen heranwachsende, junge Männer – wir haben ja die Ereignisse in Stuttgart und in Frankfurt gehabt, wir haben diese schrecklichen Straftaten in Freiburg gehabt…“

Natürlich hat das Medienecho auf die Sendung diese Passagen exakt registriert und Friedrich Merz in die entsprechende Schublade gesteckt. „Hier offenbart sich ein tiefsitzender Rassismus“, diagnostizierte die „Frankfurter Rundschau“. Und auf der „Stern“-Webseite las man: „Er tritt ja mit dem erklärten Ziel an, als CDU-Vorsitzender – und möglicherweise Kanzler -, der AfD so viele Wähler wie möglich abspenstig zu machen.“

Bilderbuch-Geschichten mit Angela Merkel

Für Dunja Hayali kamen aber diese Äußerungen von Merz wie gerufen – denn im Anschluss an diese präsentierte die Sendung zwei Beispiele gelingender Integration. Zwei Beispiele, die dazu noch optimal zum fünfjährigen Jubiläum des „Wir schaffen das“-Zitats von Angela Merkel passten.

Anas Modamani war vor fünf Jahren ein Selfie mit der Kanzlerin gelungen, das anschließend tausendfach in ziemlich allen Medien der Welt abgedruckt wurde (man fragt sich heute natürlich, warum der junge Mann nicht gleich sein Autorenhonorar beansprucht hat – er wäre längst Millionär). Heute studiert er Wirtschaftskommunikation in Berlin (damit gehört er zu knapp einem Prozent der mittlerweile immatrikulierten Geflüchteten) und jobbt als Kassierer in einem Supermarkt. Reem Sahwil, die bereits 2010 aus einem libanesischen Flüchtlingslager zur medizinischen Behandlung nach Deutschland gekommen war, begegnete im Juli 2015 der Kanzlerin bei einem Bürgerdialog und brach nach deren Worten „Aber es werden manche auch zurück gehen müssen“ vor den TV-Kameras in Tränen aus. Sie durfte bleiben, geht heute in Rostock zur Schule, will ihr Abitur machen und studieren. Beide fühlen sich in Deutschland „gut angekommen“.

Zwei Bilderbuch-Geschichten im wahrsten Sinne des Wortes: Man bekommt beinahe den Eindruck, es würde genügen, mit „Gutmensch“ Angela Merkel in Berührung zu kommen und mit ihr zusammen abgelichtet zu werden – und man ist schon „gut angekommen“.   

* Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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