Vor allem eine Frage beschäftigt Deutschland: Sind die bundesweit verhängten Kontaktverbote und Ausgangssperren gegen die Verbreitung des Corona-Virus erfolgreich? Noch lässt sich das nicht definitiv beantworten. Es gibt aber bereits Anzeichen, die Hoffnung machen.

Am Freitag gab sich das Robert Koch-Institut (RKI) vorsichtig optimistisch. Ein infizierter Mensch stecke seit einigen Tagen im Durchschnitt nur noch einen weiteren Menschen an, sagte RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar Wieler am Freitag. In den vergangenen Wochen habe der Wert bei fünf, manchmal sogar bei sieben Menschen gelegen, die ein Infizierter ansteckte.

Symbolbild

Die Geschwindigkeit bei der Verbreitung der Pandemie habe sich damit bisher verlangsamt. Ein Grund zur Entwarnung seien die neuen Daten aber nicht: Erst wenn ein Infizierter im Durchschnitt weniger als einen Menschen anstecke, lasse die Pandemie langsam nach. „Wir müssen unter eins kommen. Ich hoffe, dass das in den nächsten Tagen gelingt“, sagte Wieler.

Und in den nächsten Tagen sollte sich auch zeigen, ob die weitreichenden Maßnahmen zur Ausgangsbeschränkung und Kontaktverboten, die vor zwei Wochen verhängt wurden, auch Früchte tragen. Denn ein Effekt der jeweiligen Maßnahmen kann laut RKI „erst mit einem Zeitverzug von 2 bis 3 Wochen erkennbar sein, unter anderem wegen der bis zu 14-tägigen Inkubationszeit von SARS-CoV-21 und zusätzlich, weil es zwischen Erkrankung und Erhalt der Meldungen am RKI einen Zeitverzug gibt“. Es sind zwei Indikatoren, die aber schon jetzt Anlass für Optimismus geben.

Zahl positiv Getesteter hat sich stabilisiert

Zum einen die Zahl der positiv getesteten Fälle. Diese hat sich in der vergangenen Woche auf rund 4.000 bis 6.000 täglich eingependelt. Auf den ersten Blick scheint ein Vergleich der Kalenderwoche 13 (23. – 29. März) mit der Kalenderwoche 11 (09. – 15. März) wenig optimistisch zu stimmen: Nach Angaben des RKI lag der Tiefstwert in Woche 11 bei 341, der Höchstwert bei 1.404 neuen Fällen positiv Getesteter.

In Woche 13 lag der Tiefstwert hingegen bei 3.077 Fällen, der Höchstwert bei 6.031 Fällen. Die Zahlen sprechen für einen starken Anstieg der Infektionsrate in diesem Zeitraum. Doch sie sind kaum aussagekräftig, wenn sie nicht ins Verhältnis zu der Anzahl der durchgeführten Tests gesetzt werden.

Und die hat sich im Vergleichszeitraum stark erhöht. In Woche 11 wurde laut dem RKI insgesamt 127.457 Mal auf das Corona-Virus getestet, in Woche 13 wurden jedoch fast dreimal so viele Tests durchgeführt – in absoluten Zahlen 354.521. Fielen 5,9 Prozent der durchgeführten Test in Woche 11 positiv aus, so waren es 8,7 Prozent in Woche 13. Also eher ein moderater Anstieg, der aus den absoluten Zahlen allein nicht ersichtlich ist.

In Kalenderwoche 14 (30. März – 06. April) haben sich letztere gegenüber der Vorwoche kaum erhöht. Gleichzeitig ist aber die Anzahl der Tests gestiegen. Zwar gibt es dazu für Woche 14 vom RKI noch keine konkreten Zahlen, doch die Zahl von derzeit wöchentlich 500.000 durchgeführten Tests wurde in den vergangenen Tagen immer wieder von Virologen als Basiswert genannt. Das spricht dafür, dass die Rate der positiv Getesteten nicht weiter gestiegen, eventuell sogar rückläufig ist.

Starker Rückgang der Rate akuter Atemwegserkrankungen (ARE)

Der zweite Indikator, der Anlass für Optimismus gibt, ist der Rückgang der Rate an akuten Atemwegserkrankungen, beispielsweise durch eine Grippe, innerhalb der Bevölkerung. Diesen Rückgang hat das RKI in seinem kürzlich veröffentlichten „Epidemiologischen Bulletin 16/2020“ festgestellt. Darin heißt es:

Darüber hinaus kann man sich zur Überprüfung des allgemeinen Effekts der Maßnahmen auch zunutze machen, dass SARS-CoV-2 auf dem gleichen Weg wie andere Erreger von akuten Atemwegserkrankungen (ARE) übertragen wird.

In dem Bulletin führt das RKI drei „wichtige nicht-pharmakologische Maßnahmen auf Bevölkerungsebene zur Eindämmung von COVID-19-Erkrankungen in Deutschland“ auf: Die Absage von Großveranstaltungen mit über 1.000 Besuchern am 9. März; die Bund-Länder-Vereinbarung zu Leitlinien gegen die Ausbreitung des Virus vom 16. März, die unter anderem zur Schließung von Schulen und Kitas führte; sowie die umfangreichen Kontaktverbote und Ausgangssperren, die bundesweit am 23. März verfügt wurden. Dazu heißt es:

Insgesamt ist zu beobachten, dass die ARE-Raten seit der 10. KW (2.3. – 8.3.2020) stark gesunken sind. Diese Entwicklung ist sowohl bei Kindern (bis 14 Jahren) und bei den Jugendlichen und Erwachsenen (ab 15 Jahren) zu verzeichnen. (…) Insbesondere bei den Erwachsenen ist ein so deutlicher Abfall der ARE-Raten über mehrere Wochen extrem ungewöhnlich und konnte in keiner der drei Vorsaisons verzeichnet werden. (…) Diese Indikatoren geben einen klaren Hinweis darauf, dass die Distanzierungsmaßnahmen für die Verlangsamung der Ausbreitung von Atemwegserkrankungen wirksam sind.

(Symbolbild)

Und das spricht dafür, dass diese Maßnahmen auch im Fall der Ausbreitung des Corona-Virus wirksam sind, da dieser auf dem gleichen Weg übertragen wird – wenn auch nach vorläufigem Wissensstand mit einer höheren Übertragungsrate als beispielsweise das Influenzavirus, das Grippe verursacht.

Streit um Zahl der Todesfälle in Deutschland

Was die Tests betrifft, so sind die Ergebnisse eindeutig: positiv oder negativ, man hat das Virus oder eben auch nicht. Weniger eindeutig lässt sich die Frage beantworten, ob es sich bei positiv Getesteten, die anschließend verstorben sind, auch tatsächlich um Corona-Todesopfer handelt. Also die Frage, ob jemand an oder mit dem Virus gestorben ist.

In diesem Zusammenhang wächst die Kritik am RKI, das grundsätzlich alle positiv Getesteten nach Versterben zu Corona-Todesfällen erklärt. Der Virologe Prof. Hendrik Streeck brachte das Dilemma in einem Interview mit der FAZ auf den Punkt:

In Heinsberg etwa ist ein 78 Jahre alter Mann mit Vorerkrankungen an Herzversagen gestorben, und das ohne eine Lungenbeteiligung durch Sars-2. Da er infiziert war, taucht er natürlich in der Covid-19-Statistik auf. Die Frage ist aber, ob er nicht sowieso gestorben wäre, auch ohne Sars-2.

In Deutschland sterben jeden Tag rund 2500 Menschen, bei bisher zwölf Toten gibt es in den vergangenen knapp drei Wochen eine Verbindung zu Sars-2. Natürlich werden noch Menschen sterben, aber ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage: Es könnte durchaus sein, dass wir im Jahr 2020 zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr.

In Hamburg geht man bei der Zählweise der Todesopfer nun einen anderen Weg als das RKI. Wie die Gesundheitsbehörde der Stadt kürzlich erklärte, werden nur diejenigen Fälle gezählt, die nachweislich an der vom Corona-Virus ausgelösten Krankheit COVID-19 gestorben sind. Die Rechtsmedizin soll demnach mittels einer Obduktion die genaue Todesursache bei Sterbefällen mit positivem Corona-Test feststellen. Der Merkur berichtete dazu:

Der Unterschied zwischen den Zählweisen ist gravierend: Am Donnerstag gab das Robert Koch-Institut für Hamburg 14 Todesfälle an, die Gesundheitsbehörde Hamburgs dagegen lediglich acht. Viele der Verstorbenen litten bereits an teilweise schweren Vorerkrankungen. Hamburg drängt deshalb darauf, dass bundesweit die Zählweise überprüft wird.

Liegen die Corona-Todeszahlen also tatsächlich niedriger? Nach Ansicht von RKI-Chef Wieler würden die Todeszahlen „sogar unterschätzt“, wie er am Freitag auf einer Pressekonferenz erklärte.

Hinweisschild am Vivantes Wenckebach-Krankenhaus in Berlin (Bild vom 9. März).

„Ich gehe eher davon aus, dass wir mehr Tote haben, als offiziell gemeldet werden“, so Wieler. Denn schließlich sei man nicht in der Lage, jeden Menschen zu testen, woraus sich eine hohe Dunkelziffer ergeben könnte. Auch lieferten Obduktionen – die vom RKI nicht empfohlen werden, da eine Schmierinfektion mit dem Virus nicht ausgeschlossen werden könne – keine zweifelsfreien Ergebnisse.

Man hat auch oft den Fall, wenn eine Obduktion durchgeführt wird, dass man im Obduktionsmaterial das Virus gar nicht mehr nachweisen kann. Aber die Person ist im Rahmen der Infektion gestorben“, sagte der RKI-Präsident.

Laut Studien aus Italien gibt es in dem Land deutlich mehr Menschen, die an COVID-19 verstorben sind, als die offiziellen Zahlen hergeben. Das legt ein von der nationalen Statistikbehörde Istat und dem Istituto Cattaneo durchgeführter Vergleich der aktuellen Gesamt-Totenziffern mit einem Mittelwert der Jahre 2015 bis 2019 nahe. Daraus ergebe sich eine fast doppelt so hohe Totenzahl wie offiziell vermeldet.

In die offiziellen italienischen Zahlen fließen nur Todesopfer ein, die positiv auf das Virus getestet wurden. Da diese Tests in der Regel nur in Kliniken durchgeführt werden, tauchen Menschen nicht in den Statistiken auf, die zu Hause oder etwa in einem Pflegeheim an COVID-19 sterben – weshalb die italienische Dunkelziffer sehr hoch sein und sich nicht einfach auf Deutschland übertragen lassen dürfte.

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