Da die Zahl der Erkrankungen immer noch zunimmt, hat der jüdische Staat eine ganze Reihe von neuen Maßnahmen ergriffen: Unter anderem wurden einzelne Städte und Gebiete abgeriegelt, wo sich die Krankheit besonders intensiv verbreitet. Auch die Straßen, die in diese Städte führen, bleiben dieser Tage blockiert.

Eine dieser Städte ist Bnei Berak östlich von Tel Aviv, die als Zentrum des ultraorthodoxen Judentums gilt. Dort ist die Zahl der an Covid-19 erkrankten Patienten die zweitgrößte nach Jerusalem: Laut offiziellen Angaben wurden dort bereits mehr als 1000 Kranke registriert, und in den kommenden Tagen wird ihre Zahl voraussichtlich noch weiter steigen.

Darum verbreitete sich die Krankheit

Aber die Bevölkerungsdichte in Bnei Berak ist nicht der einzige Grund, warum sich das Coronavirus so intensiv verbreitet. David Rose, der internationale Direktor der Stiftung ZAKA, deren Mitglieder Freiwillige sind, die sich in Notsituationen engagieren, zeigte sich überzeugt, dass eine gewisse Rolle dabei das ultraorthodoxe Judentum gespielt habe.

„Erstens sprechen wir von großen Familien mit sechs, sieben Kindern, die in kleinen Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnungen wohnen, so dass es für sie so gut wie unmöglich ist, die ganze Zeit zu Hause zu bleiben. Und zweitens haben ultraorthodoxe Juden im Unterschied zu den meisten Menschen, die Informationen per Telefon, Rundfunk und Fernsehen erhalten, keine solchen Kommunikationsmittel und erfahren Nachrichten deswegen erst mit Verspätung.“

Ultraorthodoxe Gemeinden nutzen keine Smartphones und TV-Geräte, weil sie aus ihrer Sicht „unanständige Inhalte“ und Informationen verbreiten.

Deshalb ist die Situation entstanden, dass in Bnei Berak und anderen Orten mit überwiegend religiöser Bevölkerung Anfang März, als die israelischen Behörden die ersten Maßnahmen gegen das Coronavirus ergriffen (unter anderem wurden öffentliche Veranstaltungen unter Teilnahme von mehr als 2000 Menschen verboten), das übliche Leben einfach weiter ging: Die Menschen wussten schlicht nicht, was um sie herum passierte.

So gingen Anfang März Tausende ultraorthodoxe Juden auf die Straßen von Bnei Berak, um das Purimfest zu feiern. Dadurch lösten sie die Empörung vieler Israelis aus, die ihnen Verbreitung der Covid-19-Infektion vorwarfen.

Aber einer der Hauptgründe ist David Rose zufolge der Umstand, dass es zwischen den israelischen Machtstrukturen und den Rabbinern, die diese ultraorthodoxen Gemeinden kontrollieren, keine richtige Verbindung gibt. Indem die Ultraorthodoxen den Tora-Geboten folgen, ignorieren sie oft die Verfügungen der  säkularen Regierung und hören vor allem auf ihre Rabbiner. Und diese haben sie relativ spät zur Vorsicht aufgefordert.

Besinnung und Integration kamen zu spät

Erst vor einer Woche trat der Führer der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde Litauens in Bnei Berak, Rabbiner Haim Kanievsky, mit einer Erklärung auf, in der er seine Anhänger zur Einhaltung von hygienischen Regeln, zur Beachtung des Zwei-Meter-Abstandes voneinander und zudem zum Verzicht auf Synagogenbesuche aufrief. Er warnte, dass die Menschen möglichst zu Hause bleiben sollten, und wer diese Regeln verletzen sollte, würde als gefährlich für die Gesellschaft gelten.

Da die ZAKA-Aktivisten wussten, dass die Rabbiner ihre Entscheidungen ziemlich spät treffen könnten, wollten sie nicht passiv zusehen, und verbreiteten die Erklärung des religiösen Vorstehers samt den von den Behörden festgelegten Regeln, indem sie einfach durch die Straßen von Bnei Berak fuhren.

Und das habe sich als effizient erwiesen, betonte Rose:

„Als wir durch die Straßen fuhren, bemerkten immer mehr Menschen uns, hörten uns zu und stellten entsprechende Fragen. Als sie den Umfang des Problems begriffen, ließen sie alle ihre Beschäftigungen sein und gingen nach Hause.“

Das Problem sei, dass, als die Ultraorthodoxen begriffen hätten, dass die Situation sehr ernst sei, es schon zu spät gewesen sei: „Das Virus war schon in die ultraorthodoxen Gemeinden durchgedrungen“, so Rose weiter.

​Ärzten zufolge sind etwa 38 Prozent der insgesamt 200 000 Einwohner von Bnei Berak bereits Covid-19-infiziert, und es wird erwartet, dass diese Zahl in den nächsten Tagen noch weiter steigen wird. Die ZAKA-Aktivisten bemühen sich gemeinsam mit dem israelischen Gesundheitsministerium um die Feststellung der Aufenthaltsorte infizierter Menschen und warnen vor den Gefahren, die mit dieser Krankheit verbunden sind.

Aber die Pandemie-Bekämpfung wird dadurch behindert, dass es unter den Ultraorthodoxen solche gibt, die nach wie vor auf der Verletzung der Sicherheitsregeln bestehen.

​Einige Tage nach der Erklärung Kanievskys musste die Polizei noch Menschen bestrafen, die in größeren Gruppen vor Supermärkten standen und den Zwei-Meter-Abstand nicht einhielten. Mit noch größeren Strafen wurden Geschäfte belegt, die trotz des Verbots weiter geöffnet blieben.

Dennoch ist David Rose überzeugt, dass die Mehrheit die Sicherheitsregeln einhält: „Etwa 90 Prozent der Einwohner haben die Aufrufe der Regierung und ihrer religiösen Vorsteher sehr ernst genommen. Die Straßen bleiben aktuell überwiegend leer – Menschen gehen nur nach draußen, wenn es wirklich dringend ist.“ Nach seinen Worten gibt es tatsächlich noch kleinere Gruppen von Extremisten, die aber von der Öffentlichkeit verurteilt werden.

„Die Tora lehrt uns, dass die Rettung des Lebens über allem steht – auch über den religiösen Ritualen. Es geht um Leben oder Tod. Jetzt haben die Menschen das eingesehen und halten sich an die Regeln“, so David Rose.

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