Übungsplatz der Akademie für ABC-Abwehr. Auf den ersten Blick ist alles so, wie man es von einem Truppenübungsplatz erwarten würde: Einschlaglöcher, Schützengräben, Befestigungen, Zielscheiben. Dass sich im Feld einander fachkundig deckend nicht Männer, sondern Frauen bewegen, erkennt man nicht gleich.

„Alle auf die Position! Ziel: dauerhafte Feuerstellung. Entfernung: 200 Meter“, ertönt das Kommando. Mehrere Kämpferinnen laufen leicht gebeugt vor – bekleidet mit der Kampfmontur Ratnik, in der Hand eine Kalaschnikow, auf dem Rücken ein RPO: Flammenwerfer der Infanterie.

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Kursantinnen der Akademie für ABC-Abwehr schießen mit Flammenwerfern

Gekonnt packen die Rekrutinnen die Startrohre von Flammenwerfern aus, bringen daran die Abzüge an und zielen sorgfältig auf die flachen Betonbauten am anderen Ende der Schießanlage, die mit bloßem Auge gerade noch so zu erkennen sind. „Rekrutin Panowa. Ziel erkannt. Schussbereit“, meldet die Erste. „Feuer!“

Es dröhnt gewaltig, einige Brandsätze fliegen ins Ziel – wenige Sekunden später stehen die Befestigungen in Rauch und Flammen, Erde wird aufgewühlt, Holzsplitter fliegen durch die Luft. Beide Ziele sind getroffen, der Auftrag ist erfüllt.

Warum nur?

An so mächtige Waffen wie die Flammenwerfer dürfen die Rekrutinnen erst im dritten Ausbildungsjahr dran. „Das Gefühl ist einfach unbeschreiblich“, sagt eine von ihnen. „Bevor wir die Waffe überhaupt in die Hand nehmen dürfen, steht Theorie auf dem Plan, dann üben wir am digitalen Schießstand. Aber es ist jedes Mal auch eine Überwindung, weil mit einem Flammenwerfer zu schießen etwas ganz anderes ist als mit einem MG.“

Jede dieser jungen Frauen hat ihre eigene kleine Geschichte, warum sie sich für die Armee entschieden hat. Olga zum Beispiel führt eine Familientradition fort:

„Mein Vater diente bei der Armee, ich lebe von klein auf in Kasernen und wollte immer schon in seine Fußstapfen treten. In der Schule hatte ich viel Spaß an der Chemie, also habe ich mich für die ABC-Abwehr entschieden.“

Dass der Wehrdienst Einschränkungen und Entbehrungen mit sich bringt, nimmt Olga gelassen hin. Ja, anfangs sei es schwer gewesen. „Sich auf den Armeealltag einzulassen, hatte gedauert. Die Grundausbildung war am härtesten, aber ich habe das Schießen schnell gelernt. Jetzt sind meine Ergebnisse richtig gut.“

Der „Armeealltag“

Was die jungen Frauen von der ABC-Abwehr lernen, ist aber nicht nur das Schießen. Worum es in der Akademie eigentlich geht, ist der Schutz von Personen, Technik und Objekten vor atomaren, chemischen und biologischen Kampfstoffen. So ein Auftrag kommt einer Spezoperazija gleich, einem Sondereinsatz.

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Kursantin der Akademie für ABC-Abwehr während Robotertechnik-Unterrichts

Nach dem Übungsszenario halten sich mehrere dutzend Zivilisten in einem verseuchten Gebiet auf. Sie sind mit Bussen aus dem Gefahrenbereich evakuiert und an eine Dekontaminationsstelle, einen Entgiftungsplatz, gebracht worden. Hier steht schon Sondertechnik bereit. Frauen in Chemieschutzanzügen und mit Atemmasken nehmen Gewebeproben bei den Kontaminierten. Die Proben werden im Schnellverfahren ausgewertet, um das notwendige Gegengift zu ermitteln. Darauf folgt die Desinfektionsdusche.

Für die Desinfektion von Großgerät verwendet das russische ABC-Abwehrkommando ein Spezialfahrzeug ähnlich den Enteisungsfahrzeugen am Flughafen: das UTM-80M. Dazu gibt es noch das Sonderbearbeitungsfahrzeug TMS-65U. Die Fahrzeuge sind auf geländegängigen Drei- oder Vierachsern aufgebaut – die jungen Rekrutinnen lernen, das schwere Gerät zu fahren und zu bedienen: Ausnahmen gibt es bei der Armee auch für Frauen nicht.

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Übungslabor der Akademie für ABC-Abwehr

Der Einsatz beeindruckt, keine Frage. Beim TMS-65U ist auf einem drehbaren Gestell ein Strahltriebwerk aufgebaut. Dem Abgasstrahl wird Warmwasser beigemischt, sodass ein feiner, aber kräftiger Aerosolstrahl entsteht. Damit werden Truppentransporter, Panzer, Lastwagen bearbeitet. Der Strahl reißt jedes Schmutzpartikel mit.

Frauenbonus gibt es nicht

Seit drei Jahren erst steht die Akademie auch für Bewerberinnen offen. Noch ist die Zahl der Plätze stark limitiert: von den 1000 Offiziersanwärtern an der Akademie sind nur 45 weiblich. Die Zahl der Bewerber ist hingegen sehr hoch: auf einen „Frauenplatz“ kommen an die zehn Interessentinnen, bei den Männern sind es vier bis fünf.

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Kursanten und Kursantinnen der Akademie für ABC-Abwehr in der russischen Stadt Kostroma

Männer und Frauen lernen hier gemeinsam, nach einheitlichem Lernplan. Die Absolventen und Absolventinnen verlassen die Akademie im Dienstgrad des Leutnants.

„Wir und die Jungs werden gleichbehandelt, wir spüren keinen Unterschied“, sagt die Rekrutin Jekaterina.

„Einen Frauenbonus gibt es hier nicht. Das ist auch gut so. Wir brauchen keine Entlastung, sondern dienen gleichberechtigt mit unseren männlichen Kollegen.“

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