2013 hat der Historiker in einem litauischen Sonderarchiv (einst Archiv des KGB) Ermittlungsakten gegen Augustinas Povilaitis entdeckt, Chef des Departements für Staatssicherheit der Republik Litauen in den Jahren zwischen 1934 und 1940. Nach der Angliederung Litauens an die UdSSR wurde er von der sowjetischen Geheimpolizei NKWD festgenommen. Während der Ermittlung in der litauischen Sprache machte er weitläufige Aussagen. Nachdem Djukow, Mitarbeiter des Instituts für russische Geschichte, die Glaubwürdigkeit der in den Vernehmungsprotokollen enthaltenen Angaben anhand von Dokumenten aus anderen Archiven überprüft hatte, ging er damit an die Öffentlichkeit.

Augustinas Povilaitis , Chef des Departements für Staatssicherheit der Republik Litauen

Diese Aussagen werfen Licht auf die Zusammenarbeit zwischen Geheimdiensten Litauens und Nazideutschlands in den Jahren 1939 und 1940. Im Auftrag des damaligen Präsidenten Litauens, Аntanas Smetona, hat Povilaitis die Möglichkeit ausgelotet, Litauen unter das Protektorat des Dritten Reiches zu stellen. Am 20. Februar 1940 versammelten sich acht Personen im Gebäude des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in Berlin, Prinz-Albrecht-Straße 8. Es waren Leiter der Sicherheitsdienste beider Länder. Im Ergebnis des Gesprächs kam ein Abkommen über ihre Zusammenarbeit zustande, das von dem RSHA-Chef Reinhard Heydrich hoch bewertet wurde.

Karteikarten des RSHA-Amtes bezeugen

Neben dem Protektorat sah das Abkommen auch die Auslieferung der verhafteten polnischen Untergrundkämpfer durch die litauischen Geheimdienste an die Gestapo und gemeinsame Aufklärungsaktivitäten gegen die UdSSR vor. Dies ist in den Tagebüchern von Werner Best festgehalten, der Chef von Amt I des RSHA und einer der Organisatoren der Massenvernichtung der polnischen intellektuellen Elite war. Alexander Djukow bezeugt:

„Wir haben Karteikarten des RSHA-Amtes aufgefunden, das für Auslandsaufklärung zuständig war. In ihnen waren dieses und die nachfolgenden Treffen festgehalten. Die Auslieferung des polnischen Widerstands, der im Raum Wilno (heute Vilnius) agierte, wird von anderen Unterlagen aus deutschen Archiven bestätigt, in denen Mitarbeiter des litauischen Departements der Staatssicherheit als Agentenring Nazideutschlands vorkommen. Als im Juni 1940 sowjetische Truppen in Litauen einzogen, flüchteten die Agenten, die für das RSHA gearbeitet hatten, nach Deutschland.“

Aus den Aussagen von Povilaitis beim Verhör durch das NKWD am 1. Oktober 1940: „Im März dieses Jahres wurden auf meine Anordnung … 30 festgenommene Mitglieder polnischer nationalistischer Organisationen an den Vertreter der Gestapo, Heinz Gräfe, ausgeliefert … Ihre Auslieferung an die Deutschen hatte ich mit dem Innenminister Kazys Skučas ausgemacht.“

Werner Best, der Chef von Amt I des RSHA

Auch Werner Best notierte im April 1940 in seinem Tagebuch eine beharrliche Erörterung der Möglichkeiten zur deutschen Schutzherrschaft über Litauen. Dank dem sowjetischen Auslandsnachrichtendienst, der über einen hochgestellten Agenten im litauischen Departement für Staatssicherheit verfügte, gelangte diese Information in den Kreml und veranlasste den Beschluss, die sowjetischen Positionen in der Region zu festigen. Dies bekräftigen auch Unterlagen aus der Gestapoabteilung von Tilsit, deren Angehörige den Präsidenten Smetona nach seiner Flucht aus Litauen befragt haben. Sie zeugen davon, dass während der Gespräche des sowjetischen Außenministers Molotow mit seinem litauischen Amtskollegen im Mai und Juni 1940 die sowjetische Seite die Frage nach der Zusammenarbeit der Geheimdienste Litauens und Nazideutschlands aufgeworfen hatte.

Der Historiker Djukow ist der Meinung, dass die UdSSR mit ihren Verträgen über gegenseitige Hilfe mit den baltischen Ländern, die noch im Herbst 1939 abgeschlossen worden waren, zufrieden gewesen wäre, „wenn der Präsident Litauens nicht ein Doppelspiel geführt hätte, das auf das deutsche Protektorat abzielte. Dies war ein direkter Verstoß gegen den sowjetisch-litauischen Vertrag. Lettland und Estland trieben ein ähnliches Spiel. Als die sowjetische Regierung sich durch Deutschlands rasche Siege an der Westfront gefährdet sah, beschloss sie, dieses Aufmarschgebiet sicherzustellen, indem sie das Baltikum in den sowjetischen Staatsverband eingliederte. Dadurch wurde die Möglichkeit ausgeschlossen, dass es auf die deutsche Seite überwechselte.“

  • Brief des RSHA-Chefs Reinhard Heydrich an das auswärtige Amt
    Brief des RSHA-Chefs Reinhard Heydrich an das auswärtige Amt
  • Seiten des Tagebuches von W. Best mit Notizen über Treffen mit A. Povilaitis
    Seiten des Tagebuches von W. Best mit Notizen über Treffen mit A. Povilaitis
  • Seiten des Tagebuches von W. Best mit Notizen über Treffen mit A. Povilaitis
    Seiten des Tagebuches von W. Best mit Notizen über Treffen mit A. Povilaitis
  • Karteikarte des RSHA-Amtes
    Karteikarte des RSHA-Amtes
Brief des RSHA-Chefs Reinhard Heydrich an das auswärtige Amt

Diese Entscheidung der Sowjetunion war dem Historiker zufolge nicht die beste. „Dennoch war sie verständlich im Hinblick auf die Dokumente, die wir entdeckt haben.“ Laut Djukow hatten die Länder des Baltikums 1940 alle Chancen, ihre staatliche Unabhängigkeit zu behalten. „Natürlich wären sie zu Beginn des Krieges von Nazideutschland besetzt worden. Aber nach dem Krieg hätten sie sich am Warschauer Pakt beteiligt und anschließend den Status bekommen, den Polen nach Kriegsende hatte.“

Litauen – ein Verbündeter Nazi-Deutschlands?

Einige Historiker meinen, Litauen habe mit den Nazi-Geheimdiensten kollaboriert, weil es damit rechnete, ein Verbündeter Deutschlands zu werden und auf diese Weise dem fürchterlichen Los anderer Völker entgehen zu können, die von Nazideutschland erobert wurden. Auch Djukow glaubt, Litauen habe versucht, sich in das neue europäische System zu integrieren und sich darin einen Platz zu sichern.

Nach Auffassung der litauischen Politiker, meinte der Historiker weiter, war Nazideutschland für die damaligen Machthaber weniger gefährlich als die Sowjetunion.

© Sputnik / Wladimir Trefilow
Der russische Historiker Alexander Djukow bei Buchvorstellung

„In diesem Sinne äußerte sich auch der Präsident Smetona 1940 gegenüber dem englischen Botschafter Thomas Hildebrand Preston. Diese Wahl erscheint uns jetzt komisch, weil wir die Pläne der Nazis hinsichtlich der Litauer heutzutage kennen. Aus der Sicht der nationalsozialistischen Rassentheorie wurden sie als Angehörige einer niedrigen Rasse eingestuft, weniger wertvoll als Esten und auch selbst als Letten. Nach diesen Plänen wurde ihnen nicht eine Assimilierung, sondern vielmehr eine Massenvertreibung, Zwangsumsiedlung und bewusste Dezimierung zugedacht.“

Alexander Djukows Buch über die Zusammenarbeit der Geheimdienste Litauens und Nazideutschlands ist im Anrainerstaat Lettland auf Litauisch erschienen. Geplant sind Übersetzungen ins Russische und andere Sprachen. Deutsche Historiker haben den Verfasser bei der Suche nach Dokumenten weitgehend unterstützt. Sie gaben ihm Tipps, wo bestimmte Unterlagen zu finden wären. „Kollegen von der Zentralen Stelle zur Aufklärung von nationalsozialistischen Verbrechen in Ludwigsburg haben auf unsere Bitte hin Dokumente ausfindig gemacht, in denen Povilaitis erwähnt wird, und zwar ein ganzes Bündel davon.“

Gleich nach dem Beginn der Arbeit an diesem Buch wurde der Historiker Alexander Djukow offiziell zu einer Gefahr für die Sicherheit Litauens erklärt. Durch Beschluss des Departements für Staatssicherheit der Republik Litauen wurde er mit einem zehnjährigen Einreiseverbot belegt.

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