Was der Ölmarkt in den letzten Tagen erlebt hat, ist der größte Schock seit Amerikas Einmarsch in Irak 1991. Erst hatte Riad nach Russlands Weigerung, sich auf weitere Förderkürzungen mit der OPEC einzulassen, einen Preisabschlag auf saudisches Öl von sechs bis zehn Prozent verkündet. Dann hat Saudi-Arabien am Dienstag eine Förderausweitung um 26 Prozent zum Förderstand vom Februar angekündigt.

Der Geschäftsführer von Saudi Aramco, Amin H. Nasser, hat erklärt, Saudi-Arabiens staatlicher Öl- und Gaskonzern werde die Rohöllieferungen an seine Kunden im In- und Ausland im April erhöhen – „auf ein Niveau von 300.000 Barrel pro Tag über der Produktionskapazität, die sich auf zwölf Millionen Barrel pro Tag beläuft“.

Das Ergebnis ist ein enormes Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage, das als immenses Risiko über dem weltweiten Ölhandel schwebt. Auffällig hierbei ist, dass Riad die Schuld dafür Moskau zuschiebt, während westliche Experten die Saudis als die Hauptverursacher der Krise ausmachen.

„Die Haltung von Saudi-Arabien zum möglichen Deal mit Russland lief auf die ultimative Forderung hinaus, einer Förderkürzung um weitere 1,5 Millionen Barrel pro Tag zuzustimmen. Das hat Moskau sehr verärgert, weil es sich nicht als Juniorpartner der Saudis betrachtet“, schreibt die „Financial Times“.

Analysten werten Riads Entschluss, die Fördermengen auszuweiten und Öl mit gewaltigen Abschlägen zu handeln, definitiv als einen Versuch, Russland zu bestrafen.

„Bisher hat Saudi-Arabien darauf gehofft, seine Position und Gewinne am Ölmarkt durch die verstärkte Zusammenarbeit zwischen den großen Playern zu sichern. Jetzt halten es die Saudis für angebracht, ihr Vorgehen unter den gegebenen Umständen mit der Aussicht auf Sieg ins Gegensätzliche zu verkehren: Einzusteigen in das Spiel ‚Wer als erster nachgibt‘ mit Moskau und der unabhängigen Ölindustrie der USA“, erklärt Bloomberg-Analyst David Fickling.

Russlands Reaktion halten westliche Experten für absolut nachvollziehbar. „Die Russen haben erklärt, das volle Bild vom Einfluss des Coronavirus auf den Markt sehen zu wollen, bevor sie zu etwaigen Maßnahmen greifen“, schreibt „Financial Times“. „Aber Moskau ist auch nicht abgeneigt, die amerikanische Fracking-Industrie auf Belastbarkeit zu testen. Sanktionen der Vereinigten Staaten gegen russische Energiekonzerne haben den Kreml verärgert, insbesondere die Februar-Einschränkungen gegen die Handelssparte von Rosneft und der Versuch, den Bauabschluss von Nord Stream 2 zu verhindern.“

Der Gründer des Wirtschaftsportals „Zero Hedge“, Tyler Durden, weist auf die langjährige Krise der OPEC hin: Vor einer endgültigen Spaltung sei das Ölkartell nur durch Russlands Bereitschaft bewahrt worden, „eine Gefälligkeit zu erweisen im Gegenzug für die Umsetzung eigener geopolitischer Interessen“. Aber dazu, die OPEC immer wieder zu retten, sei Moskau auch nicht bereit: „Vor dem Hintergrund der Corona-Panik habe die OPEC eine beispiellose Förderkürzung verlangt. Doch Russland sagte letztlich ‚Njet‘“.

Aus Durdens Sicht hat Moskau den perfekten Zeitpunkt abgewartet, um Stärke zu demonstrieren. „Der Westen greift Russland erbarmungslos an, wegen des ‚Verbrechens‘, Russland zu sein. Nun hat der Kreml zurückgeschlagen gegen das unfaire Verhalten der Vereinigten Staaten in Iran, Irak, Syrien, in der Ukraine, in Jemen, Venezuela und Afghanistan. Jetzt wird Putin größtmögliche Zugeständnisse verlangen können von Washington und den OPEC-Ländern, die die gewaltsame US-Politik gegen Russlands Verbündete – China, Iran und Syrien – unterstützen.“

Ein Zermürbungskrieg

„Der am Ölmarkt ausgebrochene Preiskrieg ist ein Zermürbungskrieg, in dem nicht der Mächtigere gewinnt, sondern derjenige, der länger durchhalten kann“, sagt der Bloomberg-Analyst David Fickling.

So betrachtet, werten Experten die Position Saudi-Arabiens als recht schwach. Es heißt, die Saudis könnten ihr Öl zu rekordhaft niedrigen Kosten fördern: circa drei Dollar je Barrel. Aber der saudische Staatshaushalt hängt von den Öleinnahmen ab und richtet sich nach einem Mindestölpreis von 85 Dollar pro Fass. Der saudische Ölsektor kann also rentabel bleiben, während das Land an sich schnell pleitegeht.

„Schaut euch den Staatshaushalt an, um zu erkennen, dass die Saudis in größerem Maß von den Öleinnahmen abhängig sind, als Russland oder die USA“, so Tyler Durden. „Und die können der Bevölkerung nicht sagen, dass der Konsum einzuschränken ist. Es kommt zu Revolten.“

„Saudi-Arabiens aufgeblasenes Budget ist der Hinweis auf einen Ölproduzenten mit sehr hohen Unkosten, also auf einen sehr instabilen Player“, sagt auch David Fickling. „Zudem ist Riad am verheerenden und grausamen Militärkonflikt in Jemen beteiligt. Und am Freitag, den 6. März, sind Mitglieder der saudischen Königsfamilie wegen Verdachts auf Staatsverrat festgenommen worden.“

In einem Kommentar zum angekündigten Preisabschlag von Saudi Aramco erklärte ein saudischer Regierungsvertreter im „Wall Street Journal“, dies sei „ein Element einer aggressiven Kampagne zur Übernahme von Anteilen am russischen Marktsegment“. Doch bisher leidet vor allem die amerikanische Fracking-Industrie unter Riads „Kampagne“.

Aktien von Chesapeake Energy sind um 27,5 Prozent gefallen, die von EOG um 35 Prozent. Anteilsscheine von Continental Resources verlieren 40 Prozent, Wertpapiere von Diamondback Energy brechen um 44,6 Prozent ein, Marathon Oil um 47 Prozent. Aktien von Apache und kleineren Playern sind 50 Prozent weniger wert.

„Der Fracking-Sektor in den USA ist nahezu tot. Der Markt ist ein Blutbad. Milliarden Dollar sind weggeschwemmt“, stellt Javier Blas, führender Energieexperte bei „Bloomberg“, fest.

„Der Preisverfall kommt in einem für die US-Fracking-Industrie schwierigen Moment“, schreibt „Financial Times“. „Das Fördervolumen ist in den letzten zehn Jahren zwar gestiegen, doch die Branche lebt weiterhin hauptsächlich von Krediten, was sie sehr anfällig macht.“

„Die Abwicklung der Fracking-Industrie kommt Ende des Jahres so richtig in Gang“, ist Tyler Durden überzeugt.

Auch für die etablierten Ölfirmen ist der Preisverfall ein harter Schlag: Exxon Mobile ist an der Börse 12,2 Prozent weniger wert; Chevron – 15,3 Prozent; Occidental Petroleum – 44 Prozent. Die britische BP hat an einem Tag 20 Prozent ihres Marktwerts verloren, was den Sturz von vor zehn Jahren übertrifft, als die Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko explodierte.

Zum Vergleich: Die Aktien russischer Ölproduzenten sind am Dienstag um 12 bis 14 Prozent gesunken. Nach Ansicht westlicher Experten ist Russland gegenwärtig am ehesten auf den Ölpreisverfall vorbereitet.

„Russische Konzerne haben recht geringe Förderkosten“, schreibt Tyler Durden. Selbst nach Steuerabzug hält sich deren Rentabilitätsgrenze bei 20 Dollar je Barrel. Die meisten Lieferverträge schließen die Russen inzwischen nicht in Dollar, sondern in Rubel, Yuan oder Euro ab, was die Währungsrisiken minimiert. Und: Diese Vorteile bleiben noch auf viele Jahre bestehen.“

Nach Einschätzung des russischen Finanzministeriums jedenfalls reichen die Mittel des Nationalen Wohlstandsfonds (russischer Staatsfonds), um die staatlichen Verluste aus einem Ölpreisverfall auf 25 bis 30 Dollar je Barrel über sechs bis zehn Jahre auszugleichen. Unterlagen dazu hat das Ministerium am 9. März auf seiner Website veröffentlicht.

„Länder, die sich in Kriege verwickeln, gehen üblicherweise von einem Sieg innerhalb der nächsten Monate aus. Doch mit der Zeit stellen sie fest, dass der Gegner wesentlich stärker ist, als sie dachten“, schreibt David Fickling. „Wächst sich die jetzige OPEC-Krise zu einem Dauerkonflikt aus, wird Moskau kaum als erster die Segel streichen.“

„Die Märkte beruhigen sich in wenigen Tagen, die Panik wird sich legen, die Ölkrise wird vergessen sein. Aber dann kommt die Krise wieder, in noch gefährlicherer Form. Wenn es soweit ist, wird, wie ich vermute, nicht Saudi-Arabien und nicht die Türkei Russland um Hilfe bitten, sondern Europa und die USA, erklärt Tyler Durden.

* Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.