Das Buch „100 Gedichte“ erschien am 5. März. Das Stück unter dem Titel „Wenn du schläfst“ sorgte für eine erbitterte Kontroverse über Zensur und Kunstfreiheit.

„Verherrlichung einer Vergewaltigung“

Laut Internetbenutzern geht es im Gedicht um eine Vergewaltigungsfantasie. Als Beispiel wurden solche Zeilen zitiert wie „Ich schlafe gerne mit dir, wenn du schläfst. / Wenn du dich überhaupt nicht regst“ oder „Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas). / Kannst dich gar nicht mehr bewegen“.

Viele User sozialer Netzwerke kritisierten scharf das „Vergewaltigungsgedicht“. Die Twitterin „Lady Bitch Ray“ bezeichnete das Gedicht als „Vergewaltigungs-verherrlichendes“.

Die Benutzerin unter dem Namen Sarah Bosetti warf Lindemann vor, er habe sich als Autor entschieden, „dieses lyrische Ich zu erschaffen“ und sich „in keiner Zeile von ihm zu distanzieren“.

„Wer die Texte auf ihn als Person bezieht, hat das Prinzip nicht verstanden“

Andere User betonten, dass es sich um eine Fiktion handle. Man sollte die Persönlichkeit des Autors mit von ihm erschaffenen Literaturfiguren nicht gleichstellen.

„Lindemann thematisiert menschliche Abgründe und Tabuthemen wie sonst auch aus der Ich-Perspektive. Kannibalismus, Amoklauf, Stalking. Wer die Texte auf ihn als Person bezieht, hat das Prinzip nicht verstanden“, schrieb etwa „Lisa Didschuneit“.

Wohl nicht die erste Provokation Lindemanns und seiner Band

Wenn du schläfst“ sei auf keinen Fall der erste Text des Rammstein-Frontsängers, der als umstritten empfunden worden sei, betonten viele Twitterer. Einige vermuteten ein „Geschäftsprinzip“ dahinter.

„#Lindemann wurde in Deutschland zu einem Twitter-Trend. Offenbar hat der Sänger von einer Band, die für ihre polarisierende und oft kontroverse Texte bekannt ist, ein *überprüft Notizen* polarisierendes und kontroverses Gedicht, und dies polarisiert Menschen sehr, weil es so kontrovers ist“, schrieb der User „NotDerKochelSchmied“.

Verlag nimmt Stellung

Helge Malchow, Editor-at-Large beim Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi), der den Lyrikband publizierte, hat sich gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland über das Gedicht Lindemanns geäußert.

„Die moralische Empörung über den Text dieses Gedichts basiert auf einer Verwechslung des fiktionalen Sprechers, dem sogenannten ‘lyrischen Ich’, mit dem Autor Till Lindemann”, so Malchow.

Die Differenz zwischen lyrischem Ich und Autor sei aber „konstitutiv für jede Lektüre von Lyrik wie von Literatur allgemein und gilt für alle Gedichte des Bandes wie für Lyrik überhaupt“.

„Dass der im Gedicht dargestellte Vorgang unter moralischen Gesichtspunkten zutiefst verwerflich ist, ist eine Selbstverständlichkeit und erlaubt keine persönliche Diffamierung des Autors.”

Rammstein

Die Rockband Rammstein wurde 1994 in Berlin gegründet. Die Tourneen der Band sind die weltweit erfolgreichsten Bühnenereignisse einer deutsch singenden Musikgruppe.

Nach mehr als dreijähriger Arbeit an einem siebten Studioalbum veröffentlichte die Gruppe im März 2019 einen Clip zur ersten Singleauskopplung „Deutschland“. Ein bereits zwei Tage zuvor publizierter erster Trailer wurde heftig diskutiert, da im Video die Bandmitglieder Till Lindemann, Paul Landers, Oliver Riedel und Christian Lorenz mit Galgenstrick um den Hals und in Häftlingskleidung zu sehen waren, die an KZ-Häftlingskleidung aus der NS-Zeit erinnerte.

mo/mt

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.