Eifer und Tatendrang hat die neue Korvette in der DNA – dafür steht zumindest ihr Name: „Retiwyi“. Am 12. März ist das Kampfschiff in einer Sankt Petersburger Werft vom Stapel gelaufen. Der Name stehe ganz in der Tradition der russischen Marine, sagte der Oberkommandierende der russischen Seestreitkräfte, Nikolai Jewmenow, beim Stapellauf. „Korvetten dieser Klasse haben sich bestens bewährt.“

Das Projekt 20380 ist eine Klasse von Kampfschiffen für Einsätze vorwiegend in Küsten- und küstennahen Gewässern – also auf 400 bis 1000 Kilometern Entfernung von der heimischen Küste. U-Boot-Jagd und Schiffsabwehr zählen zum Auftragsspektrum ebenso wie „Sicherstellung verschiedener Aufgaben“, wie es offiziell heißt. Gut gerüstet und stark bewaffnet sind die russischen Korvetten jedenfalls: Mehrzweckraketenwerfer, Flugabwehrraketen, Torpedorohre, Artilleriegeschütze und ein U-Boot-Jagd-Hubschrauber Ka-27 sind an Bord.

© Sputnik / Alexey Danitschew
Stapellauf der neuen Korvette aus dem Projekt 20380 „Retiwyi“

Mehrere Korvetten dieser Klasse stehen auch bei der Baltischen Flotte der russischen Marine im Dienst. Seit Mitte Februar wird berichtet, diese Kampfschiffe fahren aus der Ostsee kommend auf Mission in den Atlantischen Ozean.

Beobachter werteten die Einsätze erst als Prüfung der Schiffe auf Hochseetauglichkeit und als Training der Mannschaft unter realen Bedingungen eines mehrtägigen Auftrags. Aber seitdem häufen sich die Einsätze auffällig. Kann denn ein wenig Raketenschießen und Mannschaftstraining es wert sein, Kampfschiffe aus der Ostsee an Dänemark vorbei durch den Ärmelkanal in den Atlantik zu entsenden?

Am 19. Februar erst sind eine Korvette und ein Landungsschiff auf dieser Route in den Einsatz geschickt worden. Dabei ist der Kampfwert dieses Gespanns relativ gering: Die Korvette kann (begrenzt) zuschlagen und einen Angriff abwehren, das Landungsschiff verfügt nur über Waffen zum Selbstschutz. Wozu also die zweiwöchige Überfahrt durch die Nordsee in den Atlantik?

Ehemalige Marineoffiziere, die heute als erfahrene Experten in den Medien gefragt sind, verweisen in diesem Zusammenhang auf eine Taktik der Sowjetmarine aus dem Kalten Krieg. Wie schafft es ein sowjetisches U-Boot, für NATO-Aufklärer unsichtbar durch ein maritimes Nadelöhr zu fahren? Bekanntlich sind auf dem Meeresgrund an strategisch wichtigen Stellen spezielle Sensoren verteilt, um U-Boot-Geräusche aufzufangen.

Um beispielsweise die Straße von Gibraltar unbemerkt durchfahren zu können, nutzten sowjetische U-Boot-Fahrer eine einfache, aber wirksame Taktik: Sie warteten leise am Meeresgrund auf ein größeres Frachtschiff (einen Tanker) und fuhren unterhalb seines Kiels mit aus dem Mittelmeer in den Ozean. Die Schubschraube des Frachters erzeugte stärkere Geräusche als der U-Boot-Propeller – die Sensoren am Meeresgrund schlugen nicht aus.

Mitunter koordinierten die sowjetischen Seestreitkräfte ihre Überfahrten mit der sowjetischen Handelsflotte: Die Routenpläne eines russischen Frachtschiffs und eines russischen U-Boots wurden so aufeinander abgestimmt, dass das Schiff und das Boot zeitgleich eine bestimmte Stelle oder Meeresstraße passieren konnten.

Und wer sagt, dass mit dem Ende der Sowjetunion auch mit dieser Taktik Schluss war? Der Hinweis der Experten würde jedenfalls aufklären, warum am 19. Februar 2020 statt einer zweiten hochmodernen Korvette ein altes Landungsschiff in den Atlantik-Einsatz geschickt worden ist.

Russische Landungsschiffe sind noch zu Sowjetzeiten gebaut worden und daher recht laut. Das eigentliche Tandem ist also womöglich gar nicht „Korvette + Landungsschiff“, sondern „Landungsschiff + U-Boot unterm Kiel“. Die Korvette ist nur zum Schutz da, um den Spezialauftrag abzusichern.

Wozu die Geheimnistuerei, könnte man fragen. Aber: Seit Ende Februar fährt die US Navy ein Manöver im Atlantik zur Versorgung der Großübung Defender Europe 2020 – das Atlantic Convoy Ops. Truppen und Material sollen aus den USA nach Europa verlegt werden. Das Coronavirus hat dem Großmanöver zwar zunächst den Riegel vorgeschoben, aber die Vereinigten Staaten sind entschlossen, große Truppenkontingente zügig auf europäischen Boden zu bringen. Es ist schließlich das größte NATO-Manöver unter US-Führung der letzten 25 Jahre.

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