Die Corona-Pandemie stellt das Gesundheitssystem in Deutschland auf die Probe. Das Krankenhauspersonal ist überlastet, es fehlt an Atemschutzmasken, Einweghandschuhen und Desinfektionsmittel, und ein Impfstoff gegen das neuartige Virus ist weiterhin nicht in Sicht.

Inmitten der Krise schlagen nun Ärztinnen, Beraterinnen und Fachverbände Alarm: Auch der Zugang zum Schwangerschaftsabbruch ist gefährdet und damit Leben und Gesundheit von Frauen in Gefahr.

Aktuell müssten ungewollt Schwangere drei bis vier persönliche Termine außer Haus wahrnehmen, um einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu können: Die Pflichtberatung, einen gynäkologischen Untersuchungstermin, eine Ultraschalluntersuchung, den Abbruch, eine Nachuntersuchung. Hinzu kämen drei Tage Wartefrist zwischen Beratung und Abbruch, erinnern die Fachleute in ihrer Pressemitteilung.

Aufgrund der Corona-Pandemie sei der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen nunmehr akut gefährdet.

Viele Beratungsstellen hätten inzwischen geschlossen, somit gebe es längere Wartezeiten und insgesamt weniger Termine. Zudem würden Schwangerschaftsabbrüche in den ohnehin wegen der Ausbreitung von Covid-19 überlasteten Kliniken möglicherweise nicht als notwendige Eingriffe eingestuft werden. Hinzu komme, dass in vielen Regionen Frauen bereits vor der Pandemie Anfahrtswege von bis zu 200 Kilometern in Kauf nehmen mussten, um eine Praxis zu erreichen, in der Schwangerschaftsabbrüche überhaupt vorgenommen werden. Jetzt, da es Ausgangsbeschränkungen und Einschränkungen im ÖPNV gebe, verschärfe sich dieses Problem. Und was solle eine ungewollt Schwangere tun, wenn sie selbst in Quarantäne sei?

„Das bedeutet, dass ungewollt Schwangere die gesetzliche Frist, bis zu der ein legaler Abbruch erlaubt ist, nicht mehr einhalten könnten. Hinzu kommt: Auch Spätabbrüche im Ausland (Niederlande, Großbritannien) sind aufgrund der Reiseeinschränkungen während der Pandemie nicht mehr möglich.“

Die Fachleute um Frauenärztin Kristina Hänel, die wegen „Werbung“ für Schwangerschaftsabbrüche im November 2017 vom Amtsgericht Gießen zu einer Geldstrafe verurteilt worden war, befürchten, betroffene Frauen könnten zu „unsicheren Abtreibungsmethoden“ greifen und damit ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben in Gefahr bringen. Die Erfahrungen aus China zeigten zudem, dass infolge von Ausgangsbeschränkungen häusliche Gewalt und Vergewaltigungen zunehmen würden. In Anbetracht dessen fordern die Verfasser des Schreibens Bund und Länder zum Handeln auf:

„Aus Verantwortung für die Gesundheit und das Leben von Frauen fordern wir von Bundes- und Landesregierungen wie von den Krankenkassen, dass die Videoberatung oder telefonische Beratung ermöglicht wird. Entsprechende Erlasse zur Video- bzw. Telefonberatung aus Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bayern gibt es bereits. Sollte die Video- bzw. Telefonberatung nicht mehr umzusetzen sein, müssen die Pflichtberatung und die Wartefrist ausgesetzt werden.“

Darüber hinaus solle die Onlineantragstellung für die Kostenübernahme und die Onlinezustellung der Kostenübernahmeerklärung durch die Krankenkassen ermöglicht werden. Der medikamentöse Abbruch mit telemedizinischer Begleitung bis zum Ende der 9. Schwangerschaftswoche entsprechend den Richtlinien der WHO solle zuhause ermöglicht werden. Schwangerschaftsabbrüche sollten als notwendige medizinische Leistung im Sinne der Pandemiebestimmungen für medizinische Einrichtungen anerkannt werden – Schwangerschaftsabbrüche seien Notfallleistungen und nur innerhalb gesetzlich vorgeschriebener Fristen straffrei.

„Die ärztlichen Kolleg*innen, die Abbrüche durchführen, fordern wir auf:

  • eine sofortige Steigerung des Angebotes für den medikamentösen Schwangerschaftsabbruch durch niedergelassene Ärzt*innen und Kliniken zu realisieren
  • die Kapazitäten für den chirurgischen Schwangerschaftsabbruch ab der 1. Schwangerschaftswoche aufrecht zu erhalten.“

Unterzeichnet ist der Aufruf durch die Organisationen Doctors for Choice Germany e.V., Pro Choice Deutschland e.V., Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (AKF), Dörte Frank-Bögner und Stephanie Schlitt im Namen des Bundesvorstandes von pro familia e.V.

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