Die Pandemie verändert alles, offenbar auch die Washingtoner Begriffe von fair und normal. Verbündete ausrauben? Das ist für das Weiße Haus inzwischen total normal, ja patriotisch. Ihren neuen Umgang mit Verbündeten hat die US-Regierung vor wenigen Tagen in Thailand demonstriert: Dort haben die Vereinigten Staaten an die 200.000 Atemschutzmasken abgefangen, die für die Berliner Polizei bestimmt und von China verschickt worden waren. Offenbar hält die US-Regierung die Atemschutzmasken für ihren rechtmäßigen Besitz. Die Masken sind schließlich von einem amerikanischen Konzern in China hergestellt worden – sie einzuziehen (auf dem Gebiet eines Drittstaates) wird da wohl erlaubt sein.

Daraufhin twitterte Berlins Bürgermeister Michael Müller, das Handeln des US-Präsidenten sei „alles andere als solidarisch und verantwortungsvoll“. Es sei „unmenschlich“ und „inakzeptabel“. Und Berlins Innensenator sprach von „moderner Piraterie“ und forderte eine Reaktion von der Bundesregierung.

Bei allem Respekt vor den Berliner Beamten: Dass ihr Ruf nach Reaktion ernsthafte Folgen für Washington haben wird, ist absolut unwahrscheinlich. Aber es bleibt ihnen der Trost, dass die Amerikaner sich nicht nur den Deutschen gegenüber wie moderne Piraten verhalten. Zu Washingtons Opfern zählen auch Frankreich, Kanada und Brasilien – und sicherlich eine Reihe anderer Partnerländer, von deren Fällen wir einfach nichts wissen.

Die französische Presse bezeichnet das Vorgehen des US-Präsidenten als das, was es ist: ein „Krieg um die Masken“. Und die britische „The Guardian“ berichtet, wie es kommt, dass Frankreich seine Masken aus China auch nicht erhält: Die Amerikaner hätten „mit Geldbündeln wedelnd“ eine Masken-Ladung entführt, die für Frankreich bestimmt gewesen sei. Das Flugzeug mit den Masken habe schon abflugbereit auf dem Flughafen von Schanghai gestanden, als die „amerikanischen Käufer“ aufgetaucht seien und den „dreifachen Preis“ für die Ladung geboten hätten.

Da handelten die Amerikaner fast schon anständig, wie richtige Gentlemen. Allerdings muss man auch sagen, dass es deutlich schwieriger sein muss, eine Flugzeugfracht in China, statt in Thailand zu entführen. So etwas löst man als US-Gesandter besser gleich mit viel Geld.

Ganz und gar nicht gentlemanlike war die amerikanische Lösung in Kanada. Wie die Zeitung „Journal de Montreal“ berichtet, wurden Atemschutzmasken aus China statt an ein Krankenhaus in der kanadischen Millionenstadt Montreal plötzlich nach Ohio geliefert. Man spricht zwar von einem „aufrichtigen Fehler“ und „Missverständnis“, aber man wird das Gefühl nicht los, dass es sich dabei eigentlich um den Ausgang planvoller Anstrengungen eines ganz konkreten Staates handelte. Wie sagte Präsident Trump doch gleich: „Diese Waren sind dringend notwendig für unseren Bedarf. Wir müssen sie kriegen.“

Diese Willens- und Durchsetzungskraft könnte man glatt bewundern, wäre da nicht etwas auf lange Sicht viel Wichtigeres: Irgendwann geht auch die Pandemie vorbei, die Probleme aber werden bleiben und sich noch verstärken. Die gegenwärtige Krise ist die erste Krise in einer Welt nach dem Tod der US-Hegemonie:

„Es ist die erste große Krise in der postamerikanischen Welt“, schreibt Carl Bildt, Co-Vorsitzender des European Council on Foreign Relations (und ein großer Russland-Hasser). „Der UN-Sicherheitsrat ist nicht zu sehen, die G20 ist in der Hand des saudischen Kronprinzen, während das Weiße Haus über Jahre die Tr-u-mpete blies, ‚America First‘ und ‚Jeder für Sich‘. Nur das Virus ist globalisiert.“

Mit dem einen hat der Außenpolitiker recht: Es ist in der Tat eine „postamerikanische Welt“, in der wir leben. Aber globalisiert ist in dieser Welt nicht nur das Virus. Globalisiert ist die Hilfe jener Staaten, die helfen wollen. In Italien arbeiten auch jetzt noch Ärzte und Fachleute aus Russland, China und Kuba. Globalisiert sind aber auch die „Piraten“ aus den USA: Sie warten an Flug- und Seehäfen auf die nächste Schutzmaskenlieferung. Die Pandemie führt der Welt eindringlich vor Augen, wie zwei miteinander unvereinbare Globalisierungsformen aufeinanderprallen.

* Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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