Die Sorge vor einem Szenario wie in Italien war groß. Doch bislang ist die Lage in Deutschland trotz steigender Zahlen stabil. Während die Zahl der nachweislich Infizierten mittlerweile bei 100.000 angekommen ist, bleibt die Todesrate unter den Trägern des Virus SARS-CoV-2 weiterhin niedrig. Hier können viele Faktoren hineinspielen, aber zu einem großen Teil ist sicher das Gesundheitssystem dafür verantwortlich, das bislang nicht durch das neuartige Corona-Virus überlastet ist.

Um einen Überblick über die aktuelle Lage in den Krankenhäusern zu erhalten, hat die Deutsche interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ein Intensivregister erstellt, das einen generellen Überblick über die Zahl der Intensivbetten je 100.000 Einwohner in Deutschland gibt und jetzt schon die meisten Kliniken mit Angaben zur Auslastung der Intensivbetten und vor allem der Beatmungsplätze führt.

Deutsche Krankenhauslandschaft in Grafiken (Stand Freitag, 03.04.)

  • Die Zahl der verfügbaren Intensivbetten sowie der Betten je 100.000 Einwohner. Über besonders viele Betten verfügt der Südwesten der Bundesrepublik. Wegen der geringen Bevölkerungsdichte ist das Bundesland Brandenburg am besten aufgestellt.
    Die Zahl der verfügbaren Intensivbetten sowie der Betten je 100.000 Einwohner. Über besonders viele Betten verfügt der Südwesten der Bundesrepublik. Wegen der geringen Bevölkerungsdichte ist das Bundesland Brandenburg am besten aufgestellt.
  • Die absolute Zahl der stationär behandelten Covid-19-Fälle nach Bundesland sowie gemittelt auf 100.000 Einwohner. Besonders stark betroffen ist der Süden Deutschlands.
    Die absolute Zahl der stationär behandelten Covid-19-Fälle nach Bundesland sowie gemittelt auf 100.000 Einwohner. Besonders stark betroffen ist der Süden Deutschlands.
  • Die Auslastung der bislang registrierten Krankenhäuser Deutschland. Das Gesundheitssystem ist aktuell gut aufgestellt.
    Die Auslastung der bislang registrierten Krankenhäuser Deutschland. Das Gesundheitssystem ist aktuell gut aufgestellt.
Die Zahl der verfügbaren Intensivbetten sowie der Betten je 100.000 Einwohner. Über besonders viele Betten verfügt der Südwesten der Bundesrepublik. Wegen der geringen Bevölkerungsdichte ist das Bundesland Brandenburg am besten aufgestellt.

„Sechsmal so viele Intensivbetten wie Italien“

Die gegenwärtige Lage spiegelt die niedrigen Todeszahlen wieder, denn das Gesundheitssystem hat Covid-19 bislang gut unter Kontrolle. Das ist kein Zufall:

„Wir stehen zusammen mit den USA absolut an der Spitze, was die Zahl der Intensivbetten bezogen auf die Zahl der Einwohner betrifft“, betont DIVI-Sprecher Christian Karagiannidis im Gespräch mit Sputnik. „Wir haben sicherlich sechsmal so viele Intensivbetten wie die Italiener zur Verfügung und haben die letzten Wochen noch dazu genutzt, dass wir noch mehr Kapazitäten aufgebaut haben in den Kliniken.“

Generell verfüge Deutschland über eine „extrem hohe Dichte von Krankenhäusern“ insbesondere in großen Städten wie Köln, Berlin, Hamburg und München. Was die Bundesländer betreffe, so sei diese Dichte vor allem in Nordrhein-Westfalen und im süddeutschen Raum besonders hoch. „Im Osten ist es ein bisschen weniger, aber da ist auch die Bevölkerungsdichte insgesamt ein bisschen geringer. Aber auch da  ist die Zahl der Intensivbetten bezogen auf die Einwohner noch weitaus höher als Italien zum Beispiel“, so Karagiannidis.

Diese Kapazitäten sind aktuell auch laut dem DIVI-Sprecher keineswegs ausgelastet: „Wir hatten Stand gestern über 2000 Patienten auf der Intensivstation in Deutschland mit einer Covid-19-Infektion (Anm.d.Red.: das Interview wurde am Samstag geführt). Davon waren mehr als 80 Prozent auch beatmet. Aber wir hatten im Gegenzug dazu auch über 5000 freie Betten und hatten nochmal über 5000 Betten, die in den nächsten 24 Stunden frei werden. Sodass wir da noch einen großen Puffer aktuell haben.“ Zu den bundesweiten Bestrebungen, weitere Intensivbetten zu schaffen, bemerkt der Experte: „Ich glaube nicht, dass wir schon eine Verdopplung der Betten erreicht haben. Ich glaube auch, das werden wir gar nicht brauchen. Aber wir haben die Quote schon substantiell nach oben gefahren.“

„Zwei Patienten pro Pflegekraft“: Personal ist das A und O

Aber nicht nur mit Blick auf die Betten seien die Krankenhäuser gerüstet: „Man hat von überall her Personal rekrutiert, weil das das A und O ist. Es geht nicht nur um Beatmungsgeräte, sondern man braucht auch gut ausgebildete Intensivpflegekräfte“, betont der DIVI-Sprecher. Gerade bei Covid-19 brauche es gut ausgebildetes Personal. Es komme auf eine strenge Einhaltung der Isolationspflicht der Patienten an, damit sich nicht am Ende das Personal selbst infiziert. Deshalb sei es wichtig, das Personal nicht zu überlasten.

„Von der DIVI haben wir eine Empfehlung, dass eine Pflegekraft zwei Patienten betreut. Das ist bei dieser Erkrankung extrem sinnvoll, damit man die Infektionsrate im Personal niedrig hält. Da muss man halt versuchen, Pflegekräfte ans Bett zu bekommen“, so Karagiannidis.

Vorräte an Atemmasken und Schutzkitteln knapp

Enger sieht es dagegen bei der Versorgung mit medizinischen Utensilien aus: „Im Moment ist es schwierig, Material zu bekommen, weil vieles davon in China und in Indien hergestellt wird und den Weg zu uns im Moment nicht gut findet. Aber wir haben immer noch in vielen Kliniken einen Puffer. Aber der Puffer ist nicht so wie früher, dass man problemlos sechs Monate damit auskäme, sondern der Puffer sind dann oft ein bis zwei Wochen“, erklärt der DIVI-Experte. Momentan sei noch genug Schutzmaterial da, Bemühungen um Nachschub laufen aktuell auf allen Ebenen.

„Was, glaube ich, ganz elementar ist, auch für die Politik, dass sie alles daran setzt, dass die Mitarbeiter einen Mundschutz bekommen und Kittel. Das ist das Allerwichtigste und da würde ich alles investieren, was möglich ist. Gerne auch Firmen, die sonst was anderes produzieren, die die Möglichkeit haben solche fpp2-Masken herzustellen oder Einmalkittel – dafür wären ihnen alle Krankenhäuser extrem dankbar.“ Das machen die steigenden Preise für solches Zubehör nicht gerade einfacher, Karagiannidis spricht hier von einer „Vervielfachung“ des ursprünglichen Preises.

Aber am meisten setze dem medizinischen Personal zu, dass es sich auf etwas Unbekanntes einstellen müsse: „Es ist vor allem Psychologie, die im Moment eine große Rolle spielt. Das ist die Unsicherheit, dass man nicht weiß, was da auf einen zukommt und dass alle in ganz großer Alarmbereitschaft sind“, erklärt der DIVI-Sprecher. „Was wir schon feststellen, dass jetzt in den letzten ein, zwei, drei Wochen ein bisschen mehr Routine einkehrt. Da hängt viel davon ab, wie kläre ich die Leute auf, wie viel Informationen bekommen sie. Das wird im Moment gefühlt ein bisschen besser. Was die Leute aber insgesamt in der Pflege am meisten beschäftigt, ist, dass wir ausreichend Schutzmaterial haben.“

Das Interview mit Christian Karagiannidis zum Nachhören:

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